Das sich als Lexikon verstehende Buch bietet mit über 300 Pflanzenportraits einen recht umfangreichen Überblick. Die "über 300" (wie viele genau?) sind allerdings schon das erste Problem: als LeserIn ist leider nicht "auf die Schnelle" in Erfahrung zu bringen, welche Pflanzen denn nun wirklich enthalten sind, da zwar ein Stichwortverzeichnis, jedoch kein Index der verzeichneten Pflanzennamen (weder Trivial- noch wissenschaftliche Namen) enthalten ist. Das ist für ein auf Pflanzen fokussiertes Lexikon unverständlich und sollte nicht passieren.
Die Darstellungen der Pflanzen sind ansprechend und stammen zum Teil aus Renaissance-Kräuterbüchern, zum Teil aus neueren Bildwerken. Allerdings hier das nächste Problem: die Herkunft der Abbildungen ist nicht nachzuvollziehen, keine einzige ist mit Zitaten angeführt. Überhaupt sind Zitate (neben dem fehlenden Index) der zweite große Schwachpunkt des Buches: einige Aussagen sind mit Quellen belegt, viele jedoch nicht. Vor allem die Blumensprache stellt vor ein Rätsel: ist es nun die Blumensprache des Mittelalters? Der Renaissance? Des höfischen Adels? Der Bürgerlichen? Generell hat der Autor vor allem Sekundärliteratur genutzt, was Interpretationen der ursprünglichen Quellen schwer nachvollziehbar macht. Einige zitierte Werke sind leider nur als unseriös zu brandmarken: so sollte es dem Autor durchaus geläufig sein, dass das "keltische Baumhoroskop" eine Erfindung des 20. Jahrhunderts (respektive der Frauenzeitschrift Marie Claire) ist und damit sicherlich kein gutes Beispiel für seinen kritischen Zugang zu Quellen, und zu Wissen im Allgemeinen. Und wer den "Schamanen aus dem Allgäu" zitieren muss, um historische (!) Symbolismen zu erhellen, ist eventuell auch nicht sehr gut beraten.
Neben diese "dicken Brocken" reihen machen sich viele kleinere Fehler schon fast unauffällig, wie etwa
- die Abbildung einer Schmerwurz (Tamus communis) beim Eintrag zur Zaunrübe (Bryonia)
- die falsche Reihenfolge von Hagrose nach Hahnenfuß im ansonsten alphabetisch sortierten Buch
- das Erwähnen der Wichtigkeit des Granatapfels für die Phönizier, aber das Übersehen, dass diese (die Punier) zur Namensgebung der Gattung (Punica) beigetragen haben
- die merkwürdige Auffassung, dass der Fliegenpilz zur "Familie Dachpilzartige (Pluteaceae) und zur Gattung Wulstlinge (Amanitaceae)" gehöre (Lösung: beides sind Namen von Pilzfamilien, zu denen - je nach Auffassung - die Gattung Amanita gestellt wird)
Diese Dinge erwecken dann doch den Eindruck, dass auch für den Politikwissenschaftler etwas zusätzliches botanisches Fachwissen beim Verfassen eines Pflanzenlexikons nicht unhinderlich gewesen wäre.
Fazit: Wer sich unverbindlich über symbolische Bedeutungen von Pflanzen informieren will (und sich an der unverblümt transportierten Esoterik nicht stört), hat mit diesem Buch wohl einen netten Ausgangspunkt fürs abendliche Blättern gefunden. Vorausgesetzt, der/die geneigte LeserIn hat genügend Geduld, ggf. bei jeder Suche das gesamte Buch nach mehreren Trivialnamen für die selbe Pflanze durchzublättern. Für tiefergehendes Arbeiten mit der Thematik ist es aber - leider - denkbar ungeeignet. Die in der Einleitung des Buches erwähnte "irritierende Vielfalt von Bezügen zu Naturwissenschaft, Religion, Mystik, Tiefenpsychologie, Philosophie, Kulturgeschichte und Kunst" hat sich wohl als wahr (und zu verwirrend?) erwiesen...