Mit großem Interesse entdeckte ich das Buch "Lexikon Orgelbau". Ich habe zwar schon einige Bücher zum Thema Orgelbau, aber die sind inzwischen in die Jahre gekommen. Deshalb erhoffte ich mir von einem neuen Werk auch aktuelle Informationen zu den rasanten Entwicklungen der Elektronik im Bereich Spiel- und Registertraktur wie z.B. elektronischer Setzer oder Lichtwellentechnik.
Nun ist allerdings ein Lexikon von Begriffen in alphabetisch geordneter Reihenfolge nicht gerade ein Buch zum Durchlesen von vorn nach hinten um sich dabei systematisch in die Funktionsweise einer Orgel einzuarbeiten. Hier verfeht aber das Lexikon Orgelbau deutlich sein sich selbst auferlegtes Ziel. Denn das Vorwort beginnt damit:"Das Lexikon Orgelbau ist aus der Notwendigkeit entstanden, Orgelliebhabern und professionell mit der Orgel Beschäftigten (Orgelbauern, Kirchenmusikern, Orgelsachverständigen, Pfarrern, kirchlichen Gremien) das Grundlagenwissen des Orgelbaus zu vermitteln." Wer sich also mit der Funktionsweise einer Orgel vertraut machen möchte, sollte besser auf andere Literatur ausweichen und nicht dieses Lexikon verwenden.
Einen Sinn macht dieses Lexikon dann also nur für Personen, die sich mit dem Funktionsprinzip der Orgel schon auskennen und sich hier weitere Detailinformationen erhoffen. Aber auch diese werden schließlich enttäuscht: die Beschreibungen wiederum sind meist kurz und allgemein gehalten, so dass das Lexikon Orgelbau keine wertvollen Zusatzinformationen liefert. So wären z.B. bei den Registernbeschreibungen Mensurenangaben wirklich hilfreicher um sich eine Vorstellung zu machen als wie nur ein paar wenig sprechende Adjektive. Auch bekanntere Begriffe wie z.B. "Innenlabierung" sind gar nicht vorhanden.
Ganz schlimm sind auch die Skizzen in diesem Buch: entweder sind sie aus alter Literatur entnommen oder kommen als primitiv gerenderte CAD-Modelle daher. Vernünftige Fotos wäre deutlich sprechender und selbsterklärend. Und auch die Fotos sind bisweilen sehr wenig verständlich: z.B. auf dem Bild zu "Abzugsdraht" wurde von unten durch die horizontal verlaufende Abstrakten fotografiert. Der Fachmann erkennt dann zwar irgendwo im Hintergrund noch die Abzugsdrähte, aber für den Nichtfachmann ist das Bild nur noch verwirrend. Das Bild zum Begriff "Freistehender Spieltisch" ist dann auch noch falsch untertitelt: Es wird entgegen der Beschreibung nicht der Spieltisch der Abteikirche Weingarten gezeigt, sondern der Spieltisch von Ochsenhausen. Naja, zumindest war es der gleicher Orgelbauer.
Kurzum, wer einen detaillierten Abbildungen und Skizzen zur Orgel sehen möchte, sollte dieses Buch erst gar nicht in die Hand nehmen, sondern z.B. den Katalog von Laukhuff oder Heuss herunterladen. Den gibt's nämlich im Internet kostenlos auf der Homepage der jeweiligen Hersteller von Orgelteilen. Da erschließen sich viele Fachbegriffe von allein, alle Teile sind mustergültig fotografiert und maßstabsgetreue Zeichnung vorhanden. Hätte das "Lexikon Orgelbau" das Bildmaterial z.B. von Laukhuff verwendet, dann wäre es schon mal optisch um einiges besser.
Nach all den enttäuschenden Eindrücken fragte ich mich, ob ich nur einen Punkt oder zwei Punkte in Anerkennung des Versuchs für ein Orgelbau Lexikon geben sollte. Nun denn, der doch recht hohe Preis für das Gebotene (zumal auch noch am Ende des Buchs Werbung von Orgelbaufirmen eingebunden ist) lies mich dann zu nur einem Punkt tendieren.