"Das Buch macht auf biblische Irrtümer im NT aufmerksam. Doch geschrieben wurde es nicht gegen die Bibel, sondern für ein besseres Verständnis der Bibel."
(Walter-Jörg Langbein)
In seinem zweiten Lexikon hat Walter-Jörg Langbein alphabetisch unter 100 neuen Stichworten nicht nur die menschlichen Irrtümer der Verfasser des Neuen Testaments erläutert, sondern auch jene aufgegriffen, die sich erst im Laufe der Zeit entwickelten. Er stellt fest, dass Glaubensinhalte wandelbar sind und dass es ein Privileg jedes Glaubenden ist, seine eigene Überzeugung über verifizierbare Tatsachen zu stellen. Gleichzeitig weist Langbein daraufhin, dass eine Glaubens-Vermutung jedoch nicht für eine wissenschaftliche Tatsache ausgeben werden kann. Dies gilt auch für den Skeptiker, der zwar etwas ablehnen kann, weil es in der Bibel steht, dadurch jedoch auch nicht zum Wissenden wird.....
Die von Langbein aufgezeigten Irrtümer gehen auf verschiedene Fehlerquellen zurück, die sich beispielhaft in, teilweise auch überschneidenden, Fallgruppen zusammenfassen lassen. Da biblische Texte meistens mehrfach übersetzt wurden (Hebräisch/Aramäisch in Griechisch in Latein usw.) ist die einfachste Ursache in schlichten Übersetzungsfehlern zu finden. So wurde die "junge Frau" (hebr.: alma) zur "Jungfrau" (betulah). Missverständnisse entstanden auch durch aramäische Redewendungen, die nicht adäquat ins Griechische übersetzt werden konnten (z. B. Ergreifen des Schwertes) . Da es kein Äquivalent dafür in anderen Sprachen gab/gibt, ging auch grammatikalische Form des "passivum divinum" verloren, das die Unterstützung Gottes implizierte, ohne ihn beim Namen zu nennen. Manche Übersetzer bringen zudem ihre persönliche Voreingenommenheit in den Text, was zu einer tendenziösen Verfassung der Übersetzung führt. Dadurch kommt es zu mehreren Versionen desselben Ereignisses, das mitunter gegenteilig gedeutet wird und sogar zu (vermeintlichen) Widersprüchen in den Lehren Jesu führt (z. B.: Gebt dem Kaiser "zurück", was..) Wenn sich zwei Texte zur gleichen konkreten Aussage widersprechen, kann einer der Texte einen Irrtum enthalten oder der Widerspruch ist gar keiner, da er in der Interpretation liegt (z. B.: ja oder nein zur Heidenmission). Allegorien und symbolhafte Sprache, mit denen Duplizitäten zu Personen und Ereignissen des AT hergestellt werden sollten, werden fälschlicherweise wörtlich genommen (z. B. 40 Tage, 12 Jünger). Manche feste Bestandteile des heutigen Christentums sind in Bezug auf die Urchristen anachronistisch, da sie zu deren Zeit noch nicht gab. Dazu zählen die "vaticinia ex eventiu", nachträgliche Weissagungen, die erst formuliert wurden, als die vorhergesagten Ereignisse bereits eingetreten waren (z. B. Leidensvorhersagen des Menschensohnes). Vermeintliche Widersprüche in der Lehre entstanden auch durch spätere, z. T. Jahrhunderte dauernde, theologische Entwicklungen, die es zur Zeit Jesu nicht gab (z. B. Trinitätsdogma und Zölibat). Aus theologisch-dramaturgischen Gründen kam es auch zu bewussten, späteren Erdichtungen (z. B. Ereignisse im Garten von Gethsemane. Dazu gehören auch historische, sprachliche und juristische Fehler. Weder für den "Kindermord von Bethlehem", noch für den Brauch einer "Passah-Amnestie" gibt es historische Belege. Der Bericht, dass Jesus durch Heilung eines Kranken die Sabbatruhe gebrochen habe, zeigt, dass der Autor keine Ahnung vom mosaischen Gesetz hatte, denn dieses erlaubt den Beistand für Kranke. Die Schilderung des Prozesses gegen Jesu offenbart Unkenntnis der Rechtsverhältnisse im römisch besetzten Judäa. Auch müssen manche Aussagen vor dem damaligen politischen-religiösen Hintergrund gesehen werden, denn die ersten Christen waren davon überzeugt, dass ihnen die Apokalypse unmittelbar bevorsteht. Bereits in das frühe Christentum sind auch Synkretismen eingeflossen. So wurden der Teufel (Ahriman) und die 7 Erzengel (Amesta spentas) aus dem von Zarathustra gestifteten Parsismus übernommen. Auch im Volksglauben entwickelten sich Vorstellungen und verselbstständigten sich Bilder, die von vielen Menschen als wahr angesehen werden, weil sie die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies (der Kindheit) wiederspiegeln (z. B. Krippenspiele). Aufgrund eines Lesefehlers wurde aus einem Reis ein Ros'. So ließ eine fromme Sehnsucht nach Wissen auch Erzählungen über Jesu Kindheit entstehen und machte aus den '"Magoi" die "Heiligen Drei Könige". Langbein zeigt auch die falschen und fatalen Darstellungen auf, die zu Antisemitismus/Antijudaismus führten. Dem gegenüber legt er besonderen Wert auf Gemeinsamkeiten von Christentum und Judentum, indem er feststellt, dass Rabbi Yeshosua weder Jesus hieß, noch eine neue Religion stiften wollte, sondern Jude war und das "Heilige Abendmahl" auf jüdischer Tradition basiert.
Das "Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments" ist nicht nur ein wissenschaftlich fundiertes Standardwerk (mit 36-seitigem Quellenverzeichnis) zum Nachschlagen, sondern auch eine Lektüre, die es an Spannung und Brisanz mit den Religions-Thrillern Dan Browns durchaus aufnehmen kann. Das sehr empfehlenswerte Buch sollte Pflichtlektüre für jeden sein, der sich mit dem Christentum beschäftigt und ist mit 5 Amazonsternen zu bewerten.