"Darf's ein bisschen mehr sein? Geschnitten oder am Stück?" fragt Elke Heidenreich alias Else Stratmann in zweien ihrer Bücher den Leser. Nun wendet sich das "Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen" sicher nicht an die deutsche Hausfrau, aber folgt in seiner bereits 3. Auflage rein äußerlich dem immer noch wahrzunehmenden Trend zur Umfangsvermehrung bei Nachschlagewerken: Aktuell sind es 910 gegenüber 767 Seiten in der 2. Auflage mit nunmehr 82 (!) Autoren, die überwiegend Top-Spezialisten auf ihrem Fachgebiet sind. Kann das Werk so vieler Hände auf den Leser noch organisch wirken oder verliert es sich in der Vielfalt dargestellter Einzelmeinungen?
Im Layout Springer-typisch klar und gefällig in Blau gehalten, vom Papier her hochwertiger anmutend als die Vorauflage wendet es sich vorrangig Ärzte und Medizinstudenten, soll aber auch anderen Angehörigen im Gesundheitswesen die benötigten infektiologischen Informationen liefern.
Der genannte Addressatenkreis verlangt sicherlich zuerst einmal stichhaltige Information zu Erregern oder Leitsymptomen. Betrachtet man die lexikalischen Einträge, so fällt auf, dass in der 3. Auflage noch mehr Wert auf Übersichtlichkeit gelegt wurde. Sie gliedern sich jetzt nach Erreger, Erkrankung, Diagnostik, Therapie, Epidemiologie und weiterführenden Informationen wie Referenzzentren, Web-Adressen und Schlüsselliteratur. Angereichert werden diese zu jedem Erreger vorhandenen Informationen im Einzelfall mit zusätzlichen Querverweisen zu Genomanalyse, Abbildungen und Tabellen zur Taxonomie oder Flussdiagrammen bei epidemiologisch relevanten Erkrankungen wie der aviären Influenza. Gerade diese Zusatzinformationen lockern die mitunter leicht schematisch wirkenden Einträge angenehm auf. Die Tiefe der Informationen in den Kapiteln ist bestechend und gibt in allen Einzelpunkten den aktuellen Stand der Wissenschaft auf dem Gebiet wieder. Ein wesentlicher Anteil des Umfangszuwachses dieses Lexikons im Vergleich zur 2. Auflage geht auf die größere Informationstiefe der Einzelbeiträge zurück.
Auf Bilder wurde angesichts des dreifarbigen Layouts glücklicherweise nahezu ganz verzichtet, die verbliebenen wenigen schwarz/weissen Abbildungen von beispielsweise Staphylokokken und Streptokokken in der Blutkultur oder Eiern von Fasciola hepatica haben (die elektronenmikroskopischen Aufnahmen natürlich ausgenommen) ohne Farbdruck ohnehin nur eingeschränkten illustrativen Wert. Hier könnte bei einem vollständigen Verzicht auf Bilder der freiwerdende Platz eventuell für Verbreitungskarten, differentialdiagnostische Tabellen oder weitere Flussdiagramme verwendet werden.
Inhaltlich sind die Artikel durchweg flüssig zu lesen und ergehen sich nur selten in mikrobiologischen Details ohne Praxisrelevanz. Aus wehrmedizinischer Sicht fanden sich bei einigen bioterroristisch relevanten Erregern kleinere Unschärfen in der differentiellen Therapie oder Postexpositionsprohylaxe, die durch Studium der aktuellen Literatur aber präzisiert werden können (z. B. zur Verwendung von Penicillin G bei Bacillus anthracis). Die Länge der Einzelbeiträge im Lexikon gibt leider nicht immer den Stand der infektiologischen Relevanz des betreffenden Erregers wieder. So wurden den tropenmedizinisch hochaktuellen Bunyaviren (z. B. verantwortlich für Rift-Valley-Fieber, Sandfliegenfieber, Hämorrhagisches Krim-Kongo-Fieber) mit fünf Genera und über 60 Erregern acht Seiten, dem wissenschaftlich zwar interessanten aber weniger klinisch relevanten Bornavirus neun Seiten gewidmet. Hier sollte etwas stärker durch die Herausgeber priorisiert werden. Es darf aber der Vollständigkeit halber nicht verschwiegen werden, dass den wichtigen Hantaviren aus der Gruppe der Bunyaviren ein eigenes Kapitel gewidmet wurde.
Besonders gelungen ist die Integration des Index in den lexikalischen Teil. Dem Titel als "Lexikon der Infektionskrankheiten" getreu trifft man die Erkrankungsbezeichnungen nun im lexikalischen Teil an und wird auf den korrespondierenden Erreger verwiesen. Ein zeitraubendes Blättern im Index entfällt, und bei der Stichwortsuche in der Printausgabe ergibt sich für den Nutzer eine echte Arbeitserleichterung mit Zeitersparnis. Im Anhang findet sich darüber hinaus noch ein Verzeichnis der Leitsymptome, bei dem erkennbar stringentere Maßstäbe angelegt wurden als in der Vorauflage. So wurde die wenig praxisnahe Einteilung des Leitsymptoms Fieber von vormals 16 Unterbegriffen auf jetzt vier reduziert. Der Praktiker wird es den Herausgebern danken.
Um dem Leser den Umgang mit der Datenflut in diesem Werk zu erleichtern, haben die Herausgeber wieder eine CD-ROM mit dem Volltext als Adobe-PDF-Datei beigelegt. Diese CD erhöht die Nutzbarkeit des Lexikons nochmal erheblich, da besonders die leicht zugängliche Suchfunktion auch Stichwörter ohne explizite lexikalische Referenzierung ausgibt. Sowohl unter Windows als auch unter Linux kann man problemlos mit der CD arbeiten, sogar die Druckfunktion wurde freigeschaltet. Die Verweise auf Therapieleitlinien und Fachgesellschaften in Form von Hyperlinks lassen sich direkt anklicken, wodurch der Leser die evtl. benötigte Zusatzinformation zeitnah aus dem Internet holen kann. Dem Kliniker wie auch dem Mikrobiologen wurde damit eine leicht zu handhabende, portable Informationsquelle an die Hand gegeben, die die individuelle Arbeitsweise sinnvoll unterstützen kann.
Aktuelle Entwicklungen der Infektiologie und Diagnostik wurden von Experten in acht Essays beleuchtet, die sich allesamt sehr informativ, mitunter sogar spannend ("Hightech im Dienste der Infektiologie" von Joachim Bugert) lesen lassen und in loser Folge zwischen den lexikalischen Einträgen befinden. Weitere zusätzliche Essays zu syndromatischen Komplexen wie Pneumonie, Harnwegsinfekten oder Sepsis könnten die Informationen der einzelnen Erkrankungs- bzw. Erregerkapitel vernetzen und damit besonders im Bereich der Antibiotikatherapie und Resistenzentwicklung aktualisierte und komprimierte Empfehlungen zur empirischen Intialtherapie geben, die man sonst nur über das Internet in Form von Leitlinien und Therapiestandards findet.
Zum Fazit: Dieses Mal durfte es also ein bisschen mehr sein und das sogar am Stück. Es ist den Herausgebern gelungen, die Praxistauglichkeit des Lexikons in der 3. Auflage durch die eingearbeiteten Neuerungen nochmals zu erhöhen und sich damit von Konkurrenten abzuheben, die lediglich erregerbezogene Informationen liefern, dabei aber den Krankheitsaspekt vernachlässigen. Das Buch erscheint in der aktuellen Auflage stringenter auf die Nutzer zugeschnitten, die Informationen werden durchgängig praxisnah präsentiert und sind - besonders in Verbindung mit der leicht zu verwendenden CD-ROM - schnell abrufbar. Beide Hauptnutzerkreise, die klinisch tätigen Ärzte und die Mikrobiologen, werden somit gleichermaßen ihren Gewinn beim Gebrauch des Lexikons haben, ihnen kann ich den Kauf dieses Werkes unter den oben genannten geringfügigen Einschränkungen empfehlen. Einzig der Farbdruck wäre noch eine signifikante Verbesserungsoption, aber der dürfte den bereits für eine Privatperson grenzwertigen Verkaufspreis in wenig nutzerfreundliche Regionen anheben.