Die beiden Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch - deren "Standpunkte"-Kolumnen in der "Welt" ich immer wieder gerne lese, weil ich mit ihnen so gut wie nie einer Meinung bin - versuchen in diesem Buch, häufig gehörte Behauptungen über den Umweltschutz zu überprüfen. Die Recherchearbeit hat sich zweifelsfrei gelohnt, viele Denkfehler werden entlarvt: Regenwälder sind das Bollwerk gegen den Treibhauseffekt schlechthin? Nein, das sind eher die nördlichen Wälder. Im Regenwald entsteht durch Verwesung am Boden nahezu genausoviel Kohlendioxid, wie durch die Bäume und Pflanzen absorbiert wird. Der Schutz der Regenwälder bleibt, auf der anderen Seite, trotzdem wichtig. Wahre Naturfreunde ziehen in ein Öko-Haus mit Solarenergie und Gemüsegarten weit außerhalb der Stadt? Was ist mit der durch das Berufspendeln verbrauchten Energie? Der Kapitalismus ist ein umweltzerstörendes Ungeheuer? Mag sein, aber seine Umweltbilanz ist nicht annähernd so miserabel wie die des Kommunismus.
Auf der anderen Seite: Die Autoren haben es versäumt, ebenso vorsichtig und kritisch an die Ansichten der "Ökoskeptiker" heranzugehen, wie sie das bei den Umweltschützern getan haben. Meines Erachtens ist das unbewusst geschehen: Nach der von ihnen selbst geschilderten "Bekehrung" zum ökologischen Optimismus wollten sie ein Buch schreiben, indem sie die Ansichten des Umweltschutz-Establishments weitgehendst dekonstruieren. Also haben die Autoren ökoskeptische Bücher und Artikel gelesen, und die dort erworbenen Kenntnisse mit sachlicher Information angereichert, aber sich in zu geringem Maße die Gegenseite angehört oder kritisch über die neuen Argumente nachgedacht.
Da diese Schwächen dort besonders deutlich zu Tage treten, will ich mich hier auf zwei Behauptungen im Klimakapitel beschränken: Dass die Temperatur übermäßig ansteigt, "widerlegen" Maxeiner/Miersch unter anderem mit den Daten EINER EINZIGEN Wetterstation (Berlin Dahlem) und zwei aus verschiedenen Messungen stammende, daber ähnliche Kurven, derzufolge in der gesamten Troposphäre die Temperaturen 1978-1996 abgesunken sein sollen. Mag sein. Aber die Temperaturerhöhung am Boden in den letzten 100 Jahren scheint schon bis zu einem gewissen Punkt ungewöhnlich, wenn Abschätzungen der Temperaturentwicklung der Nordhemisphäre für die letzten 1000 Jahre stimmen: Selbst gegenüber der höchsten Temperatur (um 1150) des vergangenen Milenniums sieht man eine Erhöhung von 0,1 Grad, gegenüber der Durchschnittstemperatur der letzten 400 Jahre eine von 0,4 Grad. Was hat die Erwärmung im letzten Jahrhundert verursacht? Die Autoren zeigen die bei Klimakritikern so beliebten Grafiken, auf denen eine eindeutige Korrelation zwischen der Sonnenfleckenaktivität und der globalen Durchschnittstemperatur dargestellt zu sein scheint. Die Daten stammen ursprünglich von den dänischen Klimatologen Friis-Christensen und Lassen, und haben inzwischen eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickelt: Denn während sie immer wieder zitiert werden, haben die beiden Urheber, nachdem sie von Kollegen mehrfach kritisiert wurden, ihre These, diese Aktivität könne die alleinige Ursache der Temperatursteigerung sein, längst widerrufen, weil die von ihnen verwendeten Daten teils nicht nachvollziehbar waren, teils stark geglättet wurden. Die Korrelation ist in Wahrheit viel schlechter, als man glauben könnte. Auch der hier ebenfalls vorgebrachte Einwand, 70% des Temperaturanstiegs, aber nur 20% des CO2-Anstiegs hätten vor 1940 stattgefunden, kann nicht überzeugen, denn er beweist wenig mehr, als dass viele verschiedene Faktoren das Klima beeinflussen. Darunter ist auch ein unter Umständen kurzzeitig einsetzender anthropogener Abkühlungseffekt. Tatsache ist, dass der renommierte Frankfurter Klimaforscher Christian D. Schönwiese und mehrere andere 2000 in einer Studie für das Umweltbundesamt zu dem Ergebnis gekommen sind, dass der Temperaturwandel zu etwa 60% vom Menschen und nur zu 4% von der Sonne verursacht ist. Auch, wenn die Forscher streiten mögen, ist Umweltpolitik in die Pflicht genommen, auch auf reele Gefahren zu reagieren, nicht nur auf 100%ig nachgewiesene Effekte.
Trotzdem bleibe ich generell bei meiner Einschätzung, dass dieses Buch ein Must-Read für Umwelt-Interessierte ist, weil es viele wichtige Gegenperspektiven bietet. Denn zugegeben sind die Autoren immerhin selbstkritischer als viele ihrer Zielscheiben: "Es geht uns nicht darum, einen Anspruch auf endgültige Wahrheiten zu erheben. Es geht uns darum, aus den einzelnen skeptischen Stimmen ein Gegenbild zusammenzufügen, das den Leser stimuliert, sich anschließend selbst eine Meinung zu bilden." Diesen Satz sollte man beim Lesen immer im Hinterkopf behalten.