Das Europa in LEVIATHAN ist in zwei große Machtblöcke aufgeteilt. Auf der einen Seite stehen die so genannten "Clanker" (Österreich-Ungarn, Deutschland, Osmanisches Reich), die voll und ganz auf ihre Maschinen setzen, auf der andere Seite gibt es die "Darwinists" (Großbritannien, Frankreich, Russland), die mittels Genmanipulation Hybriden aus den verschiedensten Tieren erschaffen, die ihr Kriegswerkzeug stellen. So basiert zum Beispiel das namensgebende Luftschiff Leviathan auf einem Blauwal, der mit einer Vielzahl von anderen Tierarten gekreuzt wurde und so ein eigenes, kleines Ökosystem darstellt.
Inmitten dieser Welt lebt Prinz Aleksandar, Sohn von Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg. Sein Alltag scheint in völlig geregelten Bahnen zu verlaufen, bis zu jenem schicksalhaften Tag im Sommer 1914, an dem seine Eltern in Sarajewo einem Attentat zum Opfer fallen. Wie sich herausstellt, stecken die Deutschen hinter dem Anschlag, die den Pazifisten Franz Ferdinand aus dem Weg haben wollen, um so den Weg für einen großen Krieg zu ebnen. Alek soll ebenfalls über die Klinge springen, macht sich mit der Hilfe einiger weniger Getreuen aber in die Schweiz auf, um sich dort zu verstecken.
Zeitgleich hat Deryn Sharp in London ganz andere Probleme. Als Junge getarnt versucht sie in die Luftwaffe ihrer Majestät aufgenommen zu werden. Gleich an ihrem ersten Tag gerät sie in Schwierigkeiten und landet mehr oder weniger aus Versehen auf dem Luftschiff Leviathan, das auf einer wichtigen Mission unterwegs ist. Alek und Deryn ahnen es noch nicht, aber ihre Wege werden sich kreuzen und zusammen haben sie eine aufregende Reise vor sich.
LEVIATHAN ist ein Jugendbuch, was sich auch eindeutig an dem Ton und der Sprache des Romans und an den Hauptfiguren erkennen lässt. Westerfeld hat das Thema ernsthaft aber doch etwas leichtherziger behandelt, als es vielleicht in einem Roman für eine ältere Zielgruppe gehandhabt werden würde. Deryn und Alek sind beide Teenager und haben mit ihren ganz speziellen Coming of Age-Problemen zu kämpfen.
Alek ist ein Prinz auf der Flucht, muss ständig um sein Leben fürchten und steht mit dem plötzlichen Tod seiner Eltern ganz alleine da. Seine Verbündeten sind ihm zwar treu ergeben, ein liebevolles Umfeld sieht jedoch anders aus. Und dann kann er auch das Gefühl nicht abschütteln, dass er eine Mitschuld an dem Tod seiner Eltern trägt. Westerfeld hat Alek aber auch mit einigen Makeln ausgestattet, die an seiner sympathischen Art aber nichts ändern. Seine adelige Arroganz steht ihm immer wieder im Weg und auch sein Bedürfnis, immer die ehrenvolle Entscheidung zu treffen, bringt den einen oder anderen Stolperstein. Deryn hingegen muss stets fürchten, dass ihr Täuschungsmanöver auffliegt und sie ihren Traum vom Fliegen aufgeben muss. Auch die Anpassung an das Leben als Junge fällt ihr nicht immer leicht und manchmal übertreibt sie es etwas, wenn es darum geht, Initiative und Mut zu zeigen, und stürzt sich ohne lange Nachzudenken ins Geschehen.
Die zaghafte Freundschaft zwischen Alek und Deryn steht eindeutig im Mittelpunkt von LEVIATHAN, obwohl es doch eine Weile dauert, bis die beiden aufeinander treffen. Die Kriegsereignisse sind eindeutig nur Hintergrund für ihre Geschichte und werden nur am Rande und ohne große Details erwähnt. Action gibt es dennoch reichlich in Form von Verfolgungsjagden, Luftgefechten und sogar einer kleinen Schlacht auf einem Gletscher. Westerfeld geht auch durchaus auf all die kleinen Details ein, die ein Steampunk-Abenteuer ausmachen und erschafft eine herrlich schräge Umwelt, in der sich die Protagonisten bewegen.
Es dauert doch eine ganze Weile, bis die Spannung in LEVIATHAN ihren Höhepunkt erreicht, was sich damit erklären lässt, dass es ganz eindeutig mindestens eine Fortsetzung geben wird. Der Roman hat ein offenes Ende und die großen Fragen des Buchs werden nicht beantwortet.
Alles in allem hat mir LEVIATHAN gut gefallen und Freunde von Steampunk und Alternate History werden bestimmt ihre Freude an dem Roman haben.