"Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rand einer Straße in die Luft gesprengt. Zeugen gab es keine, doch offenbar saß er im Gras neben seinem geparkten Wagen, als die Bombe, an der er bastelte, plötzlich hochging. Dem soeben veröffentlichten gerichtsmedizinischen Gutachten zufolge war der Mann auf der Stelle tot. Sein Körper wurde in winzige Stücke gerissen, und noch fünfzehn Meter vom Explosionsort entfernt wurden Leichenteile gefunden. Bis heute (4. Juli 1990) scheint niemand zu wissen, um wen es sich bei dem Toten handelt."
Auch sonst: keine Hinweise auf die Identität. Das Auto gestohlen und verkohlt, Pass und Kreditkarten zwar gerettet, aber gefälscht, Fingerabdrücke angesichts der zerfetzten Hände nicht vorhanden. Allein die Zähne bieten eine Spur.
Nur der fiktive Erzähler erkennt, wer der Tote ist - und er hofft, dass das mit den Zähnen noch etwas dauert. Denn er will die Lebensgeschichte seines Freundes zuerst selber erzählen, dem FBI zuvorkommend. Und was er uns enträtseln wird, das ist eine Ungeheuerlichkeit, und lesend geraten wir in den unerbittlichen Sog der Ereignisse ...
Dramatisch beginnt der Roman, dramatisch fesselt der Roman bis zur letzten Seite. Das Besondere aber ist, dass das alles mit geradezu philosophischem, ja vielleicht sogar religiösem (Titel!) Tiefgang daher kommt, allerdings nie aufdringlich mit einer Botschaft an die werten und von irgendeiner Moral der Geschichte letztlich genervten Leser. Sondern da ist reine Freude und Lust am Fabulieren. Deshalb auch keine diffizilisierten und fein ziselierten Handlungs- und Satzkonstruktionen, sondern klare und wohltuende Lesbarkeit und immer gute Unterhaltung. So wie das die Autoren aus dem angelsächsischen Sprachraum einfach ausgezeichnet beherrschen.
Das Grundthema ist im Roman der Zufall. Bereits im zweiten Satz leuchtet er auf: beim Basteln an der Bombe am Rande der Straße ist es zufällig passiert, dass diese plötzlich explodiert. Der Zufall spielt ein verrückt böses Spiel mit dem ebenso gescheiten wie gescheiterten Schriftsteller, der am Ende zerfetzt im Straßegraben liegt. Der Zufall sorgt dafür, dass er zum Totschläger und zum Öko-Terroristen wird, dass er verhängnisvolle Liebschaften eingeht und verliert, dass er selber erfolglos bleibt, während der weniger begabte Ich-Erzähler als Autor Erfolg um Erfolg feiert. Natürlich ist auf der anderen Seite auch dieser Erfolg des weniger Begabten reiner Zufall, der eben alle durchs Leben steuert. Erzähltechnisch edel erfahren wir ja nichts Objektives über Personen und Geschehnisse, sondern alles durch die Brille dieses Erzählers.
Am Ende wird deutlich, was mit dem Leviathan gemeint ist, doppelsinnig Titel des Romans wie Titel des unvollendet bleibenden letzten Werkes des Mannes am Rande der Straße.
Denn der Leviathan ist das mythologische Ungeheuer der Bibel, in dem sich die bösen Mächte animalisieren, vor denen die Menschen in blinder Ohnmacht stehen. Menschliche Urangst. Im Buche Hiob lesen wir: "Kannst du den Leviathan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen? Meinst du, er wird dich lang um Gnade bitten oder dir süße Worte geben? Meinst du, er wird einen Bund mit dir schließen, dass du ihn für immer zum Knecht bekommst? Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel oder ihn für deine Mädchen anbinden? Meinst du, die Zunftgenossen werden um ihn feilschen und die Händler ihn verteilen? Lege deine Hand an ihn! An diesen Kampf wirst du denken und es nicht wieder tun! Siehe, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden. Niemand ist so kühn, dass er ihn zu reizen wagt. Unter dem ganzen Himmel ist keiner! Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie von einem siedenden Kessel und Binsenfeuer. Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Rachen schlagen Flammen. Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken, und vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein."
Bei Auster ist der Zufall genau diese Bestie, bis in die Details. Und nicht etwa der Staat wie in Thomas Hobbes Leviathan. Auch nicht der Staat Ronald Reagans, in dessen Amerika die Story zufällig verankert ist und am Independence Day auch noch zufällig beginnt. Wobei der Bezug zu Hiob sicher kein Zufall ist, wollte Auster bekanntlich einst Rabbiner werden.
So ist Auster ein großer, erschütternder, ungeheuerlich packender Roman gelungen. Mit Tiefenschärfe. Absolut lesenswert.