Wenn man dieses Buch liest, fallen einem die Strömungen in der amerikanischen Gesellschaft ein, die sich nach dem 11. September 2001 wieder zahlreicher, aber auch rigoroser der Bibel und Gott zuwenden. Patricia Highsmiths Roman - wie vieles von ihr nüchtern, ruhig und unsentimental erzählt, sodaß man nie auch nur ahnt, welche Wendungen die Geschichte nehmen wird - beschreibt das Leben einer amerikanischen Durchschnittsfamilie in den Achtzigern: zwei Söhne, Vater Versicherungsvertreter, Mutter karitativ in einem Kinderheim tätig. Arthur, der ältere Sohn, aus dessen Perspektive erzählt wird, beendet bald die Schule, hat ehrgeizige Zukunftspläne und lernt ein nettes Mädchen kennen; da stört es wenig, dass der Vater zuhause den Wert des Geldes und harter Arbeit predigt. Eines Tages erkrankt der jüngere Bruder ernstlich und überlebt nur mit viel Glück; mit Glück und Gebeten, wie der Vater behauptet, den diese Krise zum Tiefgläubigen macht und was das Familienleben dramatisch ändert. Wie sehr, wird klar, als Arthurs Freundin Maggie schwanger wird; eine Tatsache, die ihre Familie zwar trifft, die sie ihrer Tochter aber nicht übelnimmt und ihren Wunsch nach einer Abtreibung unterstützt, wie es auch Arthur tut. Man weiß nicht, was an diesem Ereignis man am schlimmsten finden soll: dass Arthurs Vater Maggies Familie mit religiösem Eifer von diesem Plan abzubringen versucht, den Zwischenfall in der Gemeinde herumerzählt oder Arthur die finanzielle Unterstützung für die Uni streicht. Sein Eifer wird so weit gehen, dass Arthur irgendwann ausziehen muß, aber Arthur wird von seiner Mutter (emotionslos wird von ihrem Konflikt als Ehefrau und Mutter berichtet; sie will es freilich allen recht machen, bleibt aber doch immer sie selbst und verliert nie an Glaubwürdigkeit) sowie der Großmutter unterstützt und arbeitet selbst auch hart. Ich fand an der Geschichte die Aktualität erschreckend, Menschen, die nicht allein Halt oder Trost im Glauben finden, sondern ihren Mitmenschen mit ihrer Anschauung sprichwörtlich die Luft zum Atmen nehmen; oder ist es eher die deprimierende Wiederkehr dieses Phänomens in so vielen heutigen Zusammenhängen; gesellschaftlich oder politisch? Andererseits ist diese Geschichte, die überraschende Wendungen, wenn auch ein zuversichtliches Ende bereithält, auch wieder nicht mehr zeitgemäß, weil sie in einem überschaubaren Kosmos stattfindet - Schule, Uni, Karriere, alles Lebensbestandteile, die für heutige Jugendliche alles andere als auch nur halbwegs planbar sind; in unserer globalisierten, klein gewordenen Welt sind solche Lebensentwürfe keine Konstanten oder Orientierungspunkte mehr. Nicht deswegen allerdings lediglich vier Sterne von mir, sondern weil es dem 18jährigen Arthur meiner Ansicht nach zu leicht gelingt, sein Leben zu planen und zu leben und es bei den Highsmithschen Schicksalsschlägen beachtlich ist, wie sehr er sich treu bleibt und wie zielstrebig er ist. Ich finde Arthur etwas zu reif, zu vorausschauend für sein Alter. Trotzdem ist dieses Buch ein lesenswerter Roman (habe es auf einem Flohmarkt erstanden, in einer etwas angestaubten Übersetzung), spannend und verstörend bei dem Gefühl der Beklemmung, die menschliches Verhalten hervorrufen kann, und flüssig und eindrücklich erzählt.