"Seit zwei Jahren lebe ich nun auf dem traurigen, einsamen Felsen der Île de Sein. Seit zwei Jahren kenne ich nichts anderes als ein Leben voller Gefahren und Entbehrungen, bin in einer miserablen Baracke untergebracht und den Unbilden der See ausgesetzt wie ein Matrose und ernähre mich wie ein Fischer." Diese Worte schrieb der Leuchtturmwärter Auguste Mille im Jahre 1839 in sein Wachtagebuch. Das Leben auf einem Leuchtturm war alles andere als idyllisch - monotone Arbeit, das Entzünden des Leuchtfeuers jeden Abend und durchwachte Nächte. Falls nach Wochen eine Wachablösung kam, musste sie oft über Seilzüge die gefährlichen Meter zwischen Turm und Boot überwinden. Noch 1978 kenterte dabei ein Zubringerschiff und riss einen Wärter und einen Matrosen in den Tod.
Doch ungebrochen ist die Anziehungskraft, die von den "Wachtposten der Ozeane" ausgeht. Jean Guichard zeigt in seinem Bildband "Leuchttürme" die unbeschreibliche Faszination jener Wind und Wetter trotzenden Titanen, ihre herbe Schönheit, aber auch ihre durch die Unbilden des Meeres heraufbeschworene Gefahr für Leib und Leben. Schier unglaublich ist etwa jene Aufnahme des Wärters von "La Jument" vor der bretonischen Küste, der da wogenumtost vor der Eingangstür seines Turmes steht und jeden Augenblick weggespült zu werden droht. Oder der Leuchtturm "Le Four", der seiner vollen Höhe nach in einer tobenden Gischtwolke verschwindet.
Doch keine Bange, der Wärter wurde nicht weggespült, und "Le Four" steht immer noch. Die See hat sich wieder beruhigt und zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Auf über 200 Fotographien nimmt Jean Guichard den Leser mit auf Entdeckungsreisen zu Leuchttürmen in Frankreich, Großbritannien, Irland, Deutschland, Skandinavien und Nordamerika. Die hochwertigen, zum Teil über eine ganze Doppelseite gehenden Aufnahmen, sind von einmaliger Schönheit und oft atemberaubender Wucht. Man kann das Rauschen der Brandung darin noch hören, das manchmal sanft, manchmal gnadenlos rau an die Küste schlägt.
Die Arbeit der Männer auf den Leuchttürmen war von zahlreichen Strapazen gekennzeichnet. Miserable hygienische Bedingungen, die stürmische See, die monatelange Abgeschiedenheit machten das Leben auf den Enklaven am Meer zur harten Bewährungsprobe. Vincent Guigueno erzählt die Geschichte der Leuchtturmwärter einfühlsam nach, seine Texte wurden aus dem Französischen von Christiane Hauert übersetzt. In insgesamt vier Kapiteln, auf edlem Kunstdruckpapier zwischen die großformatigen Hochglanzaufnahmen von Jean Guichard eingestreut, erfährt der Leser alles Wissenswerte über die große Zeit der Leuchttürme, über Aufstieg, Höhepunkt und Niedergang des Berufes des Leuchtturmwärters.
Besonders hervorgehoben seien hierbei die zahlreichen Details, die von historischen Fotographien und Zeitungsartikeln bis zu Standbildern aus dem französischen Spielfilm "Les Feux de la Mer" und ausgewählten Beispielen der Literatur über Leuchttürme reichen. Ein kleines Manko ist allerdings bei den Bildkommentaren zu den Aufnahmen von Jean Guichard zu verzeichnen: Manchmal verfallen sie in ein regelrechtes Fachlatein und man muss schon Leuchtturmexperte sein, um zu verstehen, was ein "Caisson", ein "Fresnel'scher Apparat IV. Ordnung" und "Otterblenden" sind. Doch gottlob gilt das nur für das erste Kapitel des Buches, danach wird es verständlicher, anschaulicher, fast schon erzählerisch.
Wer sich nun erst einmal selbst auf die Reise ans Meer machen möchte, dem sei die Karte im Schlussteil des Bildbandes empfohlen. Alle von Jean Guichard fotografierten Leuchtfeuer sind darin verzeichnet. Doch warum in die Ferne schweifen? Das Gute liegt doch so nah: Der Bildband "Leuchttürme" ist ein Erlebnis für sich - und kann jederzeit trockenen Fußes bewundert werden.