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Das Problem der Identität war für den in Salzburg lebenden Autor Vladimir Vertlib auch Thema seines vorherigen Romans, Das Gedächtnis der Rosa Masur. Hier musste eine alte Frau, die mit knapper Not dem Ghetto von Minsk entkam, später vor deutschen Beamten beweisen, dass sie Jüdin ist, um eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu bekommen.
In Rückblenden erzählt Vertlib in Letzter Wunsch die Geschichte von Gabriel Salzinger und seinem Vater, aber auch von den heutigen Schwierigkeiten des Umgangs der Deutschen mit jüdischen Mitbürgern. Er verfällt dabei nicht in larmoyante Beschreibungen, sondern kann durch gekonnt eingesetzte ironische Mittel eine ungewohnte Warte einnehmen. Nichts ist einfach, denn wie geht man mit Problemen um, die Juden untereinander haben? Wie bezieht man als Goj Stellung? Gabriel Salzinger muss schließlich erkennen, dass man gewisse Regeln brechen muss, um das Richtige zu tun. --Tobias Hierl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Gabriel Salzingers Vater ist gestorben. Sein letzter Wunsch, seine letzen Worte: „Auf den jüdischen Friedhof. Nach Oberpatsch. In Mutters Grab."
1939 flüchtete der Vater aus Gigricht nach Israel, lebte in einem Kibbuz, diente in der israelischen Haganah, aber kam 48 zurück nach Deutschland. Der Großvater wurde in Auschwitz ermordet. Die Großmutter ist in Israel gestorben. Die Mutter liegt auf dem Gigrichter jüdischen Friedhof. Da soll auch der Vater begraben werden.
Leider gibt es da ein Problem. Nach orthodoxem Glauben ist nur der Jude, dessen Mutter Jüdin war. Einen Übertritt zum jüdischen Glauben darf nur ein orthodoxer Rabbiner vornehmen. Gabriels Großmutter trat zwar 1933 zum jüdischen Glauben über, aber sie tat es bei einem liberalen Rabbiner. Die heutige Gigrichter Gemeinde ist orthodox, der Rabbiner ein Import aus Amerika, von einer orthodoxen Hochschule. Gabriels Vater war kein Jude, so folgern Rabbiner und Gemeindevorstand, also darf er auch nicht auf dem jüdischen Friedhof neben seiner Frau begraben werden.
Manch einer hätte eine Posse aus diesem Stoff gemacht oder ein Lehrstück über fundamentale Juden. Vertlieb schreibt daraus einen Roman, der zeigt, wie schwierig ein jüdisches Leben in Deutschland ist, für den Vater, für den die Stadt voller Erinnerungen ist, für den Sohn, der sich von dem Vater distanziert, aber mit dessen Tod doch wieder mit der Vergangenheit konfrontiert wird und auch für die Deutschen, die glauben, das sei längst Vergangenheit und vergessen und dann entdecken müssen, dass diese Vergangenheit weiterlebt, uns alle prägt.
Vertlieb lamentiert nicht, weist keine moralische Schuld zu, er beschreibt Deutsche, die sich als Philosemiten geben; solche, die immer noch oder schon wieder den Antisemiten herauskehren; solche, die jeden Juden für die Politik Sharons in Palästina verantwortlich machen. Unbefangen ist das Verhältnis fast nie, zu schwer wiegt die Vergangenheit. Warum das so ist, wieso die Forderung „endlich einen Schlussstrich" zu ziehen, weder von Juden noch Deutschen erfüllt werden kann, das zeigt dieser Roman.
Aber Vertlieb hat auch Sinn für Absurdes und kann eine Geschichte erzählen. So liest sich sein Buch trotz der oft tragischen Rückblicke auf die Familiengeschichte des Ich-Erzählers leicht und häufig muss man auflachen, ebenso oft aber kommen einem die Tränen. Wer die ersten beiden, manchmal etwas schwerfälligen Kapitel gelesen hat, wird das Buch freiwillig nicht mehr aus der Hand legen. Und niemand sollte sich diesen Roman entgehen lassen, weil er glaubt, dies sei Literatur, mithin langweilig.
Für dieses Buch gibt es nur eines: Lesen! Lesen! Lesen!
Und als letztes Zitat, gleichsam als letzten Wunsch: „Der christliche Europäer würde nicht existieren, gäbe es den Juden nicht, und der Jude wäre kein Jude ohne den Goj. Ich selbst trage beide in mir, den Juden und den Goj. Wie in einem Labyrinth bin ich zwischen den Spiegeln gefangen. Egal in welche Richtung ich mich wende, stoße ich gegen Glas."
Der Ich-Erzähler Gabriel Salzinger versucht den letzten Willen seines verstorbenen Vaters zu erfüllen: ihn auf dem jüdischen Friedhof der deutschen Kleinstadt Gigricht, neben seiner Frau begraben zu lassen.
Doch das Begräbnis wird jäh unterbrochen: eine Mitarbeiterin der Israelitischen Kultusgemeinde hat herausgefunden, dass Gabriels Vater Benjamin nach orthodox jüdischem Verständnis kein Jude gewesen ist, denn dessen Mutter war in den 30er-Jahren bei einem reformierten Rabbiner, dessen Befugnis von orthodoxen Juden nicht anerkannt wird, zum Judentum übergetreten. Somit ist auch ihr Sohn kein Jude und darf demnach auf dem jüdischen Friedhof nicht begraben werden. So folgt ein immer absurder werdendes Bemühen des Erzählers um das Recht des Vaters auf einen Grabplatz auf dem jüdischen Friedhof. Während dieses Hindernislaufs kommen Gabriel Salzinger zahlreiche Erlebnisse aus seinem eigenen Leben und dem seiner Familie in den Sinn. So stellt sich ihm bald auch die Frage nach seinen Identitäten als Jude und Deutscher und nach dem Sinn seines Lebens.
Besonders in diesen Rückblenden kreuzen und vermischen sich die Identitäten der Hauptfiguren in sonderlicher Weise: Dass der Vater Benjamin Salzinger als Jude verfolgt wurde, aber nicht als Jude begraben werden darf, ist nur eine von vielen Absurditäten. Ironisch - aber nicht sarkastisch - wird der Roman, als orthodoxe Juden dem Reformjudentum die Schuld am Holocaust geben, als sich der Rabbiner sowohl als Vorkämpfer für den Neuaufbau des traditionellen Judentums als auch als Experte für koscheres thailändisches Essen outet oder als eine Schulkollegin den Juden Gabriel als Kompensation für die SS-Vergangenheit ihres Großvaters liebt. Auch Österreich findet sich als Schauplatz für die Auflösung vereinfachender Identitätszuschreibungen: Gabriel wird als hochnäsiger und ewig unzufriedener Piefke beschimpft und fühlt sich daraufhin antisemitisch diskriminiert, bis er entdeckt, was Piefke bedeutet und dass er außerhalb Deutschlands weniger als Jude, denn als Deutscher wahrgenommen wird.
Im Abbau geistiger Schranken aus nationaler und religiöser Gedankenlosigkeit liegt die Grundaussage des Buches: Man kann ohne weiteres Jude und Deutscher, Flüchtling und Heimattreuer, religiös Konservativer und national Liberaler gleichzeitig sein, wenn man den Mut hat, jede Regel und jede Zuschreibung zu überdenken und zu brechen, sobald aus dem Geflecht verschiedener Identitäten ein Fangnetz für den freien Willen wird.
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