Die Wohnungseigentümer der Vishram Genossenschaft sind anständige Menschen. Um ihren fünfstöckigen Wohnturm breitet sich zwar der Slum von Vakola aus, aber wer in der Vishram Genossenschaft wohnt, der ist etwas Besseres. Zumindest etwas besseres als die Slumbewohner da unten hinter dem Zaun: Internetcafe-Betreiber, Journalisten, Lehrer, Buchhalter oder Apotheker wohnen hier. Wasser gibt es nur zweimal am Tag für einige Stunden, das Haus ist heruntergekommen, die Wände schimmeln, aber das ist die Realität für Indiens Mittelschicht. Die Menschen leben, unbehelligt von Kastendünkel oder religiösem Fanatismus friedlich in ihrer kleinen Welt, die schon bald zum Spiegel der großen werden wird. In diese friedliche Welt bricht nämlich eines Tages der umtriebige Bauunternehmer Shah ein, mit einem Angebot, das man nicht ablehnen kann. Er will ihnen ihre schäbigen Wohnungen zum sagenhaften Preis von umgerechnet fast 300 000 Euro abkaufen. Jedem Einzelnen. Aber nur, wenn alle verkaufen, denn Vishram ist ja eine Genossenschaft.
Und das Angebot frisst sich wie ein Krebsgeschwür in die Hausgemeinschaft, denn nicht alle wollen Vishram verlassen. Zum Beispiel der hoch geachtete Lehrer Murthy, Witwer und Rentner, die moralische Instanz des Hauses, der sich von den Mitbewohnern unter Druck gesetzt fühlt. Und wenn Murthy unter Druck gesetzt wird, dann wird er stur. Und wenn er stur wird, dann hilft bei ihm nicht Zuckerbrot und nicht Peitsche.
Aus Freunden werden Feinde, aus Feinden werden Todfeinde und die Katastrophe nimmt ihren Gang.
"Letzter Mann im Turm" bietet einen Einblick in die indische Gesellschaft von heute, wie man ihn nur von einem Insider bekommt, der so meisterhaft erzählen kann, wie Aravind Adiga. Man riecht förmlich die Kloaken von Bombay, den Schweiß der Menschen in den überfüllten Vorortzügen. Wem das noch nicht den Magen umdreht, dem wird spätestens bei der Beschreibung der krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich übel. Anfangs wirkt die Hausgemeinschaft von Vishram wie der letzte Hort der Anständigkeit, bis Geld, Gier und Neid des Menschen wahre Natur zum Vorschein bringen. Erst kommt die Habgier und dann die Moral. Das gilt für die Großen da oben genauso wie für die Kleinen da unten, will uns Adiga sagen. Es kommt eben nur auf die GELEGENHEIT an.
Das Buch ist eine wunderbar erzählte Parabel auf die Übel unserer Zeit, eine Gesellschaftskritik, die im Prinzip an jedem Ort der Welt gültig ist, nur dass Indien als Kulisse für eine Endzeitstimmung, in der alles nur noch ums Geld geht, obwohl die Substanz längst verrottet ist, ungleich besser geeignet ist, als Bottrop-Kirchhellen. Aber machen wir uns nichts vor. Bombay ist überall.