Karl Kraus sagte selbst über sein heute wohl berühmtestes Werk, es sei für ein Marstheater gedacht; für ein irdisches Theater hielt er es für zu umfangreich. "Die letzten Tage der Menschheit" -- das ist eine atemberaubende Collage, zusammengestellt aus authentischen Gesprächsfetzen kurz vor und während des Ersten Weltkrieges. Kraus hatte sie akribisch gesammelt, kommentarlos, und ein Kommentar ist tatsächlich nicht nötig. Diese Gesprächsfetzen und Szenen wirken auf heutige Hörer wie eine Liste jener Krankheitssymptome, die klarer als jede Analyse verdeutlichen, warum "die Welt von gestern" (Stefan Zweig) untergehen und einer weniger menschlichen Epoche weichen musste. Die Krankheitssymptome allein analysieren in all ihrer Banalität, wie es dazu kommen musste, dass Europa seine Menschlichkeit leichtfertig preisgab.
Kraus' Tragödie in fünf Akten "
Die letzten Tage der Menschheit" beginnt mit einem Vorspiel, dem berühmten "Ringstraßenkorso". In das Ritual des Sehen-und-Gesehen-Werdens bricht die Nachricht, der Thronfolger sei ermordet worden. Aber bricht die Nachricht tatsächlich herein wie eine Urgewalt? -- Mitnichten! Man hat schließlich wichtigeres zu tun, als sich mit dem Tod des in konservativen Kreisen wegen seiner progressiven Ideen nicht eben beliebten Erzherzogs zu befassen. Noch zynischer reagiert man im Kanzleizimmer des Obersthofmeisteramtes, wo der Ablauf des Staatsbegräbnisses, das keines sein darf, organisiert wird. Nach diesem Vorspiel des Stückes (und des Krieges) bricht der Krieg tatsächlich aus, in den das alte Europa hineinschlittert und in dem es schließlich untergehen soll. Kraus muss nichts kommentieren oder hinzusetzen zu dem, was er auf den Straßen und den Kaffeehäusern, in den Etappen und Schützengräben gesammelt hat; es spricht alles für sich. Tatsächlich, hier ging die Menschheit einem Ende entgegen, und das dürften nur wenige in noch schärferen Worten festgehalten haben als Karl Kraus. -- Soviel zum Stück selbst.
Helmut Qualtingers Lesung der "Letzten Tage der Menschheit" klingt so, als hätte Kraus dieses Monumentalstück eigens für diesen Interpreten geschrieben. Freilich konnte nicht einmal Qualtinger den kompletten Text lesen; das ändert aber nichts daran, dass seine Lesung ein Monument der Gattung darstellt, die ihresgleichen sucht und wohl niemals finden wird. Egal, wie oft man diese Lesung hört -- es ist und bleibt unfassbar, wie Qualtinger hier sämtliche Rollen spricht, wie er all die deutschen Dialekte und Soziolekte beherrscht, wie er Kraus' Meisterwerk auch die allerkleinste Nuance entlockt und es bis in seine wüstesten Abgründe auslotet. Hier wird Qualtingers Kunst entfesselt, man kann es nicht anders beschreiben. Ein furioses Furiosum.
Ich jedenfalls kann mir nicht erklären, wie nach d i e s e r Lesung es noch einmal jemand wagen könnte, Kraus' opus maximum aufzuführen oder zu lesen.