Aus der Amazon.de-Redaktion
Die schönste Anekdote vorweg: Als Theodor Eschenburg Anfang der 50er Jahre seine Professur in Politikwissenschaft antrat, lernte er auch den damaligen Studenten Helmut Kohl kennen. Pikanterweise besuchte dieser gerade sein Seminar zum Thema Parteienfinanzierung.
Mit Letzten Endes meine ich doch ist der zweite Teil der Lebenserinnerungen erschienen (Band 1: Also hören Sie mal zu. Geschichte und Geschichten 1904 bis 1933). Wenngleich Eschenburg selbst nicht mehr letzte Hand anlegen konnte, entstand doch aus seinem Manuskript und umfassenden Gesprächsaufzeichnungen vorliegendes Buch, den Zeitraum von 1933 bis Ende der Neunziger umfassend.
Eschenburg ist ein Vertreter der konservativen Geschichtsschreibung. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf Charakterköpfe und Führungspersönlichkeiten. Besonders nach dem Krieg pflegte der Wahl-Tübinger den Umgang mit der Machtspitze, mit Leuten wie Carlo Schmid, Erhard, Adenauer, Brandt und einigen mehr. Gern erweiterte er manchmal den Lehrstuhl um einen Regierungsposten. Besonders bei der Bildung des Landes Baden-Württemberg wirkte er nachhaltig mit.
Autobiographien haben immer etwas Beschönigendes an sich, und wer wollte es den Autoren verdenken? Bei Eschenburg kommt jedoch ziemlich schnell der Verdacht auf, dass besonders emsig gebügelt und geglättet wurde. Ohne nennenswerte Ecken und Kanten, wie hier dargestellt, kann kein derart bewegtes und langes Leben ablaufen. Besonders bei der Schilderung seiner Rolle während der Nazizeit vollführt er sehenswerte Verrenkungen. Als Geschäftsführer eines Kleinindustrieverbandskartells verhalf er immerhin durch die Förderung von Exporten den Nazis zu regimestützenden Devisen. Noch Ende der Achtziger sprühte Eschenburg Gift, wenn er auf seine SS-Mitgliedschaft angesprochen wurde. Dagegen musste die sogenannte "Erhard-Denkschrift" von 1944 als Zeichen von Widerstand herhalten. Heute liest sich das alles ganz anders.
Schwamm drüber! Memoiren so richtig nach dem Geschmack konservativer Leserkreise. --Jürgen Grande
Neue Zürcher Zeitung
Staat machen
Theodor Eschenburgs Erinnerungen seit 1933
Als Theodor Eschenburg 1994 in einem Interview gefragt wurde, zu welchen Politikern der Gegenwart er Vertrauen habe, nannte er damals noch ganz ahnungslos ausgerechnet auch Manfred Kanther, den Bundesinnenminister. Zum Glück, möchte man sagen, hat Eschenburg, der am 10. Juli 1999 in Tübingen im Alter von 94 Jahren gestorben ist, den enormen Vertrauens- wie Verfassungsbruch nicht mehr erlebt, den nicht nur Kanther oder Kohl zu verantworten haben, sondern auch die anderen deutschen Politiker, die in die unterschiedlichsten Affären verstrickt sind. Mit Blick auf bedenkliche regierungsamtliche Praktiken in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen liest sich Eschenburgs Bemerkung zu einem Ereignis aus dem Jahr 1966, in das der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier involviert war, wie ein Kommentar zur Gegenwart und wie eine Dauerzustandsbeschreibung politischer Kultur: «Dies war wieder (!) eine jener Vermischungen von privater und öffentlicher Sphäre, gegen die ich zeit meines Lebens empfindlich war.»
Überleben in der Nazizeit
Wenn es im Untertitel des Buches heisst: «Erinnerungen 19331999», dann ist das fast schon ein Etikettenschwindel. Denn die Erinnerungen des Politikwissenschafters reichen sehr grosszügig gerechnet eigentlich nur bis in die Regierungszeit Helmut Schmidts. Und schriftlich durchformuliert hat Eschenburg die Texte auch nicht oder nur in bescheidenem Masse. «Zum Teil in recht fragmentarischer Form» lagen sie nach seinem Tode vor, ausserdem gab es aufgezeichnete «umfangreiche Gespräche». Hermann Rudolph, der Herausgeber, hat die Fragmente zu einem mehr oder weniger einheitlichen Text zusammengefügt und dabei in besonderer, nicht näher erläuterter Weise als eine Art «Ghostwriter» gewirkt; er hat versucht, «für den Text der Erinnerungen die jeweils prägnanteste Ausdrucksform zu finden».
Der zweite Band der Erinnerungen beginnt mit dem 31. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung Adolf Hitlers. Eschenburg hat die «Widrigkeiten der Zeitläufte» jener Epoche ohne allzu grosse Belastungen überstanden. Die ganzen zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft war er als Geschäftsführer eines Kartells von Verbänden der Kleinindustrie tätig und vor allem auch so sehr beschäftigt, dass selbst seine Mitgliedschaft in der SS nach kurzer Zeit wegen Interessenkonflikten und ständigen Terminschwierigkeiten offiziell beendet werden konnte. Durch welche Umstände und schikanöse Aktivitäten Theodor Eschenburg, der nie Mitglied der NSDAP war, in die SS gezwungen wurde, zeigt exemplarisch die perfiden Mechanismen und die erpresserischen Strukturen eines totalitären Systems, seiner ausserordentlich effizient funktionierenden Gleichschaltung und der entsprechenden vorauseilenden Anpassung. «Das Versteckspielen in einem totalitären Staat hat unweigerlich etwas Deformierendes, und man musste sehr viel Kraft aufwenden, um unbeschädigt daraus hervorzugehen.»
Vater Baden-Württembergs
Den zweiten grossen Komplex des Buches bilden die Erinnerungen Eschenburgs an seine politische Karriere in der Nachkriegszeit. War er zunächst als Flüchtlingskommissar für das Land Württemberg-Hohenzollern tätig, so konzentrierten sich seine Interessen und Aktivitäten bald mehr und mehr auf die grosse Aufgabe der staatlichen Neugliederung Westdeutschlands und besonders des deutschen Südwestens. Hier konnte er Staat machen und hat er Staat gemacht. Dieser Neuordnung galt seine «Leidenschaft», sie hat er «regelrecht mit Lust betrieben». Eschenburg hat sich sogar «als den eigentlichen Vater» des Bundeslandes Baden-Württemberg gesehen.
Vor allem in diesen bundesrepublikanischen Gründerjahren hat sich Eschenburgs durch und durch positiv-konservatives Staatsverständnis herausgebildet: das rigorose Staatsverständnis der Väter des Grundgesetzes der Bundesrepublik, wie es vom Parlamentarischen Rat in entschiedener Abgrenzung zu den negativen Erfahrungen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches konzipiert wurde. Die Sorge um den Erhalt dieses grundgesetzlichen Fundamentes, das er bereits in Willy Brandts «geradezu erschreckender» Aufforderung, mehr Demokratie zu wagen, gefährdet sah, hat den politischen Publizisten Theodor Eschenburg bis ins hohe Alter motiviert, als anerkannter «Praeceptor Germaniae» zu wirken und wie er selber schreibt «eine Art Wächteramt» auszuüben.
Rainer Hoffmann