Produktinformation
|
Letzte, unveröffentlichte Gedichte von Ingeborg Bachmann
Von Beatrice von Matt
Fünf nachgelassene und unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass Ingeborg Bachmanns umfasst ein Band, den der Salzburger Germanist Hans Höller ediert und kommentiert hat. Alle geben sie Einblick in den krisenhaften Prozess des Schreibens und die Brüche hinter der sprachlichen Schönheit. Grosse arme Literatur in jeder Hinsicht.
Eigentümlich sorgsam und eigentümlich richtig nimmt sich diese Präsentation von fünf nachgelassenen und bisher unveröffentlichten Gedichten Ingeborg Bachmanns aus. Man liest sie nicht auf reinen weissen Seiten, wie man das von Lyrikbänden gewohnt ist, sondern in photomechanischer Wiedergabe als armselige Typoskripte, einmal als Manuskript auf gehäuseltem Blockpapier. Nicht nur Korrekturen und Tippfehler sind erkennbar und vom Herausgeber Hans Höller vermerkt, sondern auch der Kaffeefleck und der Abdruck der Tasse auf dem Papier. So bleibt den Texten etwas Dokumentarisches erhalten, ein Stück Mühsal des Schreibens, eine Aura von armer Literatur. Denn um solche handelt es sich hier. In jeder Hinsicht.
ICH-TILGUNG
In einem zweiten, umfangreicheren Teil bekommt man erstmals Einsicht in Entwürfe und Fassungen der bekannten drei letzten Gedichte «Keine Delikatessen», «Böhmen liegt am Meer» und «Enigma». Diese im November 1968 in der legendären Nummer 15 der Zeitschrift «Kursbuch» publizierten Texte gehören mittlerweile zu den Hauptwerken deutschsprachiger Lyrik in diesem Jahrhundert, und wir verfolgen von Schritt zu Schritt, von Abschrift zu Abschrift das Erkämpfen der Form: das Heraustreiben der kargen, radikalen Ästhetik und das Austreiben des gequälten Ichs. Die Textstufen zeigen fortschreitend, wie Hans Höller überzeugend dartut, «den Widerstand gegen die Kunst-Form», ein immer provokanteres «Festhalten einer quasi niedrigen Sprachebene» bei gleichzeitiger «Selbstvernichtung . . . in der Kunst». Der Vorgang bleibt für die späte Ingeborg Bachmann zwiespältig genug; sie hat ihn als unausweichlichen Prozess der Ich-Tilgung selber kommentiert, beispielsweise in den Vorstufen zu «Keine Delikatessen».
Auch die kleineren, bisher kaum bekannten Texte reden von diesem Zwiespalt. Gerade weil sie nicht ausgearbeitet, in manchem fragmentarisch sind, bleibt in ihnen der Lebensrest von Kummer und Krise vor dem Zwang der gebändigten Form als sperriger Ton bewahrt. Sie sind zwischen Frühjahr 1963 und Ende 1965 entstanden, böse Jahre für Ingeborg Bachmann. Sie und Max Frisch hatten sich eben getrennt. Ein letztes Gespräch 1963 vormittags in einem römischen Café war der Schlusspunkt einer quälerischen Beziehung voller gegenseitiger Abhängigkeiten und Befreiungsschläge. «Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht», notierte Frisch in «Montauk».
«Schallmauer» und «In Feindeshand» sind nach diesem Ende in Berlin geschrieben und gehören in die Nähe der Büchnerpreis-Rede vom Oktober 1964, «Ein Ort für Zufälle». Berlin tobt darin als schaudervolle Vorhölle, als Stadt des lärmigen Wahnsinns: «Jetzt fliegt jede Minute ein Flugzeug durchs Zimmer, zieht an den Haken mit den Waschlappen vorbei, fährt eine Handbreit über der Seifenschale das Fahrwerk aus. Die Flugzeuge, knapp vor der Landung, in den Einflugschneisen, die durch die Zimmer führen . . . Nach Mitternacht sind alle Bars überfüllt . . . Es sind lauter Orte von Musikstössen erschüttert . . .» Allenthalben rast der Wahnsinn, rast auf die Wehrlose zu.
In Zeiten des akuten seelischen Leidens gibt es zwischen Innen und Aussen keine Trennwand. Schutzlos ist das Innere den Zumutungen von ausserhalb preisgegeben. Das ist das Thema von «Schallmauer».
«Der Lärmteppich, breit und laut,
hinter dir herschleift, was mehr lärmt, alles
lärmt und laut lärmt
es, es zittern
Deine Häuser alle,
jeder Fussbreit
in deinem Kopf
alle deine Besitzungen
Gedanken, Gedenken
das überrast
mit einer Geschwindigkeit
die nie die deine war
dieser Wahn . . .»
Der all-gegenwärtige Lärm löscht «Gedanken, Gedenken» aus. Die Hölle ist hirn- und erinnerungslos. «Du bist in Feindeshand, sie mahlen schon Deine Knochen», heisst es im anderen Berlin-Gedicht. Lärm ist die akustische Form der Gewalt, einer Gewalt, die für Ingeborg Bachmann immer von Nazizeit und Krieg herkommt, dem «Brüllen, Singen und Marschieren» von Hitlers Truppen beim Einmarsch in Kärnten, und die vorausweist auf den «grossen Knall».
Hans Höller erzählt in seinem einleuchtenden und subtil vornehmen Kommentar, wie die Autorin in Berlin den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz traf und über die Begegnung in einem fragmentarischen Essay berichtete: «Ich besuchte ihn noch einmal, ehe ich selber krank wurde, in seiner ersten abominablen Wohnung in Berlin in einem Geräuschchaos, . . . wo man ihm, der gesamte Hohenzollerndamm, die Hölle an Geräuschen anrichtete, ich ging eher fort, als ich es wollte, ich konnte den Strassenlärm nicht mehr aushalten.»
Berlin, die Stadt «der Versehrten», gibt das Modell ab für einen politischen Krisenzustand: etwas müsse vergessen werden. Es ist kalter Krieg, Verdrängungs- und Betäubungszeit; Wiederaufbau dröhnt in der Bundesrepublik. Die Apokalypse findet ihre Fortsetzung. Das im Gedicht «Schallmauer» angesprochene «du» duckt sich unter dem grossen Knall und wird zum Körpergeschoss, das die Schallmauer durchschlägt: «über dir, oben, du / die Schallmauer durchschlägst . . . Du duckst dich, du bist schon / oben und trittst deine Reise an . . . / mit angerissenen Nähten und / einer Wahnkraft, für deren / Durchschlag der Himmel immer zu weich / und die Erde zu hart ist.»
Das Sichverlieren im unendlichen Raum findet im Essay «Ein Ort für Zufälle» eine Entsprechung in der Geisterstille der weiter zurückliegenden Geschichte, der Vorgeschichte zur Katastrophe des Dritten Reichs. Tote Leere verschlingt die Ausdehnung der Zeit, die in gespenstischen Bildern noch eine Weile hängenbleibt: «Seit damals war niemand mehr auf der Strasse. Versandet und verwachsen sind die alten Villen, sinken immer tiefer ein in den Gärten. Am Knie der Koenigsallee fallen, jetzt ganz gedämpft, die Schüsse auf Rathenau . . . im Café Kranzler, bei gelöschtem Licht, obwohl Nacht ist, kauen an allen Tischen die alten Frauen, mit Filzhüten auf dem Kopf . . . sie kauen und greifen zu, seit damals.»
Der präsentische Lärm, der brutale Irrwitz, zerschlägt in beiden Texten die Ahnung um den Verlauf der Zeit, die Dimension von Vergangenheit und Zukunft. Der Lärm mündet ins schweigende Nichts.
Vor diesem Hintergrund sollte man die drei anderen erstmals veröffentlichten Gedichte, jene, die 1964 in Prag entstanden sind, nicht vorschnell als utopische Gegentexte lesen: Wohl ist in «Wenzelsplatz», «Jüdischer Friedhof» und «Poliklinik Prag» von einer Stadt die Rede, in der die verstrichene Zeit lebendiger anwesend ist als in Berlin. Auch darum, weil Prag zugehörig zur einstigen Habsburgermonarchie mit der Herkunft zu tun hat. Wie das der Schluss von «Wenzelsplatz» anspricht: «biege ein und komme lebendig an / in eine Gasse, die weit unten in meiner Vergangenheit endet / und mein Leben ist, in der meine Herkunft ist.»
Im übrigen aber geht Hans Höller wohl zu weit in einer ersten voreiligen Mythisierung von Ingeborg Bachmanns Prag-Bild, auch wenn er sie nachher etwas einschränkt. Ich glaube nicht, dass die Schriftstellerin mit dem «urbanen Platz aus der untergegangenen Welt Mitteleuropas», mit dem jüdischen Friedhof und mit der Prager Poliklinik «friedliche Räume» meint, «die ein lebendiges Miteinander der Menschen evozieren». Sie spricht in «Wenzelsplatz» zuerst von einem Sichbewegen der Menschen «wie Fischzüge vonhause nachhause», «sprachlos vor Kälte die Münder» und «vor sich hin denkt sich ein jeder, denkt sich nichts. Wozu auch und warum hier»: solche Zeilen zeugen gewiss weniger von einem «lebendigen Miteinander» als vielmehr von einem gleichgeschalteten geisterhaften Kollektiv. So unpolitisch, wie angenommen, sind diese Prag-Gedichte vielleicht gar nicht. Oder mindestens so: die nur scheinhaft Lebenden nehmen das grosse Sterben vorweg, das alle erwartet. Und von dem der Berliner Lärm, «ein Wahn», nichts wissen will.
BÖHMEN ALS HEIMAT
Gewiss ist in Böhmen mehr Heimat, zum einen, weil hier das «Haus Österreich» nahe ist, das die Ich-Figur in «Malina» freilich nicht mehr bewohnen will: «Ich muss gelebt haben in diesem Haus zu verschiedenen Zeiten, denn ich erinnere mich sofort, in den Gassen von Prag und im Hafen von Triest, ich träume auf böhmisch, auf windisch, auf bosnisch, ich war immer zu Hause in diesem Haus . . . ohne die geringste Lust, es noch einmal zu bewohnen, in seinen Besitz zu gelangen . . .» Heimat ist in Böhmen zum andern darum, weil es gemäss Shakespeare ans Meer grenzt, ans tiefe Wasser, wo das Ich hinwill: «. . . Ich will zugrunde gehn. / Zugrund das heisst zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.» Dieses einzigartige Gedicht in neun Textstufen entstehen zu sehen, bedeutet eines der aussergewöhnlichen Leseabenteuer, die diese Edition ermöglicht.
1956 und 1957 sind die Gedichtbücher erschienen, die Ingeborg Bachmann berühmt gemacht haben: «Anrufung des Grossen Bären» und «Die gestundete Zeit». Sie würden die These der «zertrümmerten» Literatur widerlegen, wurde damals gejubelt. Wenige Jahre später torpediert die Dichterin selber die lobgepriesene «Erhöhung des Tons». Radikal erniedrigt sie den Ton, weil sie nicht den schönen und traditionsreichen Klängen, nicht der Dichtung als Dichtung verpflichtet war, sondern einer «Sprachmoral» (Christine Koschel), die auf nichts als die Wahrheit zielte. Auch wenn die hier erstmals vorgelegten Textstufen und Texte nicht ausgearbeitet sind, bekunden sie den Bruch mit aller inszenierten Schönheit. Grosse arme Literatur in jeder Hinsicht.
Tags(Was ist das?)Bei einem Tag handelt es sich um ein Schlagwort, das zum Produkt passt.
Tags erleichtern allen Kunden die Suche und die Sortierung ihrer Lieblingsprodukte. |
|
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel:
|
||||||||||||||||||||||
|
Die hilfreichsten Kundenrezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die "Vergangenheit überwinden",
Von
Rezension bezieht sich auf: Letzte, unveröffentlichte Gedichte: Entwürfe und Fassungen (Gebundene Ausgabe)
Es sind nicht die ganz großen Gedichte der Ingeborg Bachmann, die im Band "Letzte, unveröffentlichte Gedichte" zu lesen sind. Und doch sind die Gedichte aus dem Nachlass lyrische Kleinodien, die in einem lebensgeschichtlichen und thematischen Zusammenhang mit zwei Reisen der Dichterin 1964 nach Prag entstanden sind. Es ist die Zeit der Krise und der tiefen Depression nach der Trennung von Max Frisch. Und so erlebt die Bachmann diese drei Gedichte "Wenzelsplatz", "Jüdischer Friedhof" und "Poliklinik Prag" als ein kleines "Wunder", als Hoffnung, dass es ihr gelingen werde, "die Vergangenheit überwinden" zu können.Ganz groß und nahezu unvergleichlich dagegen die wirklich letzten veröffentlichten Gedichte, die in diesem Band in ihrem Entstehungsprozess, mit allen Textvarianten und in der vorzüglichen textkritischen Darstellung der Bezüge und literarischen Verweise dakumentiert werden. Eine Fundgrube für Bachmann-Experten, für Germanisten und Leser, die es ganz genau wissen wollen. "Böhmen liegt am Meer" ist eines dieser Gedichte, das die Dichterin selbst als "Geschenk" bezeichnet hat. Ist es doch in einer Zeit entstanden, die dichterisch schon den "Todesarten" gewidmet war, in der Ingeborg Bachmann eigentlich schon Abschied genommen hatte von der Lyrik. Es ist "für mich ein Gedicht, zu dem ich immer stehen werde", das sie weitergeben wolle "an alle anderen, die nicht aufgeben zu hoffen auf das Land der Verheißung". Und für die Bachmann selbst ist es ein Gedicht, in dem sie noch einmal ihrer Herkunft aus dem Dreiländereck im südlichen Kärnten Tribut zollt. Ganz anders "Keine Delikatesse". Es ist - wenn man so will - ein Zeitgedicht, das Stellung bezieht zu der Frage "wie die Kunst den Schein der Warenwelt auflösen könnte, um wieder authentische menschliche Erfahrungen möglich zu machen" (Höller). Das für mich schönste Gedicht allerdings ist "Enigma". Es bezieht sich auf Mahlers "Auferstehungssymphonie" und enthält eine Widmumng für einen der wichtigsten Menschen im Leben der Dichterin, für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI. "Nichts mehr wird kommen", lautet die erste Zeile; es werde kein Frühling und kein Sommer mehr. Doch es gibt - so Höller - Hoffnung am Rande der Hoffnungslosigkeit. "Du sollst ja nicht weinen, / sagt eine Musik. / Sonst / sagt / niemand / etwas." In der Zeit mit Hans Werner Henze hat Ingeborg Bachmann "wirklich Musik verstanden". Und seitdem konnte sie ohne Musik nicht mehr arbeiten, denn alles hänge "mit Musik zusammen". Ein wunderschönes, ein tröstliches Gedicht, das sich erst jetzt in der aufgezeigten Textgenese und durch den Kommentar von Hans Höller völlig erschließt. Und das gilt für alle Gedichte dieses Bandes. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel: Eigene Rezension erstellen
|
|
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|