Dank des faszinierend authentisch wirkenden 'Roten Glamours', der aktuell (Sommer 2011) in den Top10 eines Krimi-Magazins platziert ist, machte mich Manotti neugierig auf ihre frühere Veröffentlichung und auch die 'Letzte Schicht' begeisterte mich aufgrund der politischen, glaubwürdigen Tiefe der Story und der noch stärker ausgeprägten Authentizität:
Während sich zwei große, internationale Konzerne um die Übernahme des angeschlagenen, französischen Thomson-Staatsbetriebs - Hersteller nicht nur von Unterhaltungselektronik, auch von Waffen - streiten, beginnen die Arbeiter in einer der Thomson-Fabriken aufgrund eines gefährlichen Unfalls zu streiken, fordern höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in der maroden Fabrik, besetzen die Büros und entdecken zufällig Dokumente, deren Brisanz sie anfänglich noch nicht ahnen. Es scheint fast zu einfach, den Arbeitern dann noch den katastrophalen Brand der Fabrik, der während des Streiks ausbricht, anzulasten. Gleichzeitig fürchtet die Pariser Politik- und Wirtschaftselite, dass die von den Arbeitern entdeckten Dokumente zu gefährlich für die geplante Machtübernahme des Konzerns und die künftige, politische Ausrichtung Frankreichs sind: Während die einen also einen Ermittler beauftragen, um die Vorfällfe in der Fabrik zu klären und politische Skandale für ihre eigenen, gierigen Interessen züchten, schrecken andere nicht einmal mehr vor Mord zurück. Inmitten der großen Ereignisse stehen aber auch die kleinen, traurigen Schicksale der Fabrikarbeiter, die plötzlich Auswirkungen auf die Zukunft des Konzerns, auf die Zukunft Frankreichs zu haben scheinen.
Im direkten Vergleich zum aktuellen Wirtschafts-Thriller 'Roter Glamour' wirkt die 'Letzte Schickt' noch ehrlicher und noch authentischer, damit noch spannender und ist an möglichem Realismus kaum zu übertreffen, was diesen Thriller noch brutaler und dramatischer wirken lässt. Es sollte gerade darum erwähnt werden, dass Manotti bewusst mit Fiktion arbeitet und aus einem Ideen-Pool tatsächlicher Ereignisse schöpft, wie etwa den dramatischen Aufständen der Stahlarbeiter 1979 in Lothringen - gleichem Spielort der Handlung dieses Romans. Schon damals titelte das Magazin 'Der Spiegel' darüber "Wir sitzen hier auf einem Pulverfaß" - genau diese Idee greift die Autorin exzellent - aber mit Fiktion! - auf und hat ein sehr polit- und sozialkritisches, überaus spannend realistisches Schreckens-Szenario skizziert. Der für August 2011 angekündigte Roman "Einschlägig bekannt" dürfte damit erneut brisant werden, denn Manotti gibt offen zu, dass sie kritisieren und provozieren will - mit den drastischen Stilmitteln eines Thrillers. Und das gelingt ihr erschreckend gut.