Das ist wieder mal so ein Buch, wo einen der Klappentext völlig in die Irre führt. Um einen Vater und seinen Sohn auf der Flucht vor einem Rächer soll es gehen, dessen Freundin aus Versehen vom Sohn erschlagen wurde. Tatsächlich kommt diese Geschichte im Buch vor, unter all den vielen Geschichten die hier erzählt werden, ist es allerdings die schlechteste. Wenig begründet, schlecht nachvollziehbar wirkt dieser Aufhänger im Buch, der eher dazu dient, die wirklich spannenden Entwicklungen in Gang zu bringen, so insbesondere die Karriere des Sohn als Autor.
Versucht man sich an einer Inhaltsangabe des Romans, so muss man bewusst vermeiden, in eine Beschreibung eines früheren Buches von John Irving abzurutschen, weil so viele Motive hier wieder auftauchen. Schon in "The World According to Garp" ging es um einen werdenden Autor mit einer unvollständigen Familie, deren Mitglieder mit notorischer Häufigkeit in diverse Unfälle verwickelt waren. Die Angst der Eltern vor dem Tod der eigenen Kinder wird hier grausam wie schon lange nicht mehr bei Irving thematisiert. Auch die Bedeutung, die eigentlich Fremde in einer Familie gewinnen können, die Erweiterung der Familie über ihre Grenzen hinaus erinnert an "Garp". Und wie in diesem Buch auch wird hier die Geschichte der Vereinigten Staaten erzählt, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so viel mehr erleben und erleiden mussten als wir hier in Deutschland, weshalb vielen deutschen Lesern auch einige Elemente in diesem Buch fremd bleiben werden. Und dann gibt es noch wie in vielen Büchern von Irving diese wunderbare Passagen über Bären und Hunde, über das Leben auf dem Land und in der Stadt als Gegensatz, über Liebe und Verlust, über Sexualität jenseits aller Konventionen, und über Gewalt, Verlust und Tod. Nur ein Ausflug nach Wien fehlt hier diesmal.
Man ahnt den Spaß, den der Autor beim Schreiben dieses Buches gehabt haben mag, insbesondere wenn er immer wieder Hinweise auf seine früheren Bücher versteckt. Aber auch das leitet dann viele Leser und Rezensenten in die Irre. "Twisted River" ist kein autobiographisches Buch, und wer dieses vermutet, sollte einige Passagen des Buches, die diese Frage direkt ansprechen, besser noch einmal lesen. Irving geht es hier um den Spaß am Erzählen, er lässt die Leser eintauchen in eine wunderbare Welt mit wunderbaren Menschen, die eben doch erfunden sind. Die aber eine so schöne Geschichte ihr Eigen nennen, dass man am Ende des Buches nicht herum kommt, einfach laut drauf los zu heulen, wenn mit der Einsamkeit eines alten Mannes ein weiteres, für Irving neues Thema aufkommt. Aber auch in dieser Situation kennt der Autor dann eine Antwort, die mit einem Augenzwinkern die Leser wieder auf einen anderen Pfad führt. Die Ironie, die sich in dem finalen Schicksals des Protagonisten auch versteckt, erinnert eher an die postmodernen 80er, als dass sie in die heutige Zeit passen will. Aber vielleicht ist es ja genau das, was Irving hier will. In einer Zeit, die nicht mehr die seinige ist, will er an Gutes aus seiner eigenen Zeit erinnern. Ketchum, die versteckte Hauptfigur dieses Romans, hat dazu viel zu sagen. Sie ist ohnehin das Sprachrohr des Autors für alles, was er dem Leser direkt, ohne Umschweife vermitteln will.
Hat eigentlich irgendwer gemerkt, dass in diesem Buch auch eine Geschichte der amerikanischen Gastronomie erzählt wird? Dass über die sechs Jahrzehnte sich deren Moden ändern, aber die Menschen gleich bleiben? Wie vielen Lesern ist aufgefallen, wie in diesem Buch die Themen Politik und Bildung verknüpft werden, wobei letztere eben nicht aus Schulen und Universitäten kommt, sondern durch persönliche Beziehungen vermittelt werden muss? Wie viele Leser haben die Pointe verstanden, dass Eltern das mit dem Sex von ihren Kindern fern halten wollen, sie aber gerade durch dessen Verschweigen die Kinder in größte Nöte bringen? Die über 700 Seiten des Buches enthalten so unglaublich viel, dass die meisten Leser hier die Übersicht verlieren werden. Aber es ist wie immer: Gründliches Lesen und gründliches Nachdenken hilft, gerade bei John Irving.
Die vielleicht schönsten Passagen dieses Buches handeln vom Erzählen, von der Entwicklung eines Romans, von dem Erfinden von Personen und Handlungen. "Twisted River" steht nicht nur für einen Fluß, in dem Menschen ertrinken, es steht auch für die Struktur dieses Romans. Diese ist auf besondere Art "verwunden", so sehr, dass sie wieder an den Anfang zurück führt, nach vielen Irrungen, Wirrungen und Wendungen. Vollzieht man diese nach, liest man dazu die Passagen des Autors über das Schreiben von Büchern, so lernt man viel über das, was Irving beim Schreiben bewegt und mit welchen Techniken er eigentlich arbeitet. Und das gibt einem denn auf das Thema Literatur noch einmal eine ganz andere Perspektive. Und damit finde ich diesen Roman - trotz aller Parallelen zu den vielen anderen, genialen Büchern dieses Autors - als ein einzigartiges, hoch lesenswertes Werk, insbesondere weil es Leser bewegt, zu Gefühlen und Gedanken.
Und was will man von Literatur eigentlich mehr?