Natürlich kann man von keiner Anthologie erwarten, dass sie aus lauter literarischen Perlen besteht. So auch nicht von Markus Walthers Saarkrimi-Anthologie. Dass hier stärkere neben schwächeren, gelungene neben überflüssigen Texte stehen, braucht nicht eigens erwähnt zu werden. Halten wir uns lieber an die positiven Beispiele: an Madeleine Gieses herrlich verschrobene Story vom Damenkochclub, die es dem Leser überlässt, sich das Finale mortale auszumalen ('Hauptsach gudd gess'); an Walter Wolters Kunst des Spannungsaufbaus ('Mimikry'); an Christof Marzis kalkulierte Überschreitung der Genregrenzen ('Der Fahrstuhl'); an Wolfgang Ohlers bizarre Pointen ('Das Parfüm des Bösen') und Martin Conraths Erzählroutine ('Bye bye Baby'). Zu den stärksten Texten gehört meiner Meinung nach 'Familienbande': der Monolog eines Psychopathen, dessen 'wahre' Geschichte Leser und Sprecher erst am Ende erfahren. Als Stilexperimente überzeugen Tilo Mörgens 'Oh Leck' und Jochen Senfs 'Ei ei'; schade nur, dass sie wenig Krimihandlung und überhaupt keinen Saarlandbezug bieten. Das ist Walthers Anthologie überhaupt vorzuwerfen: Inhaltlich trifft der Titel 'Letzte Grüße von der Saar' auf höchstens die Hälfte der Stories zu, auf die Texte von Lilo Beil, Bernd Franzinger und Wolfgang Brenner gar nicht. Trotzdem hat mich die Geschichte des Letztgenannten am meisten gepackt, genauer gesagt: die vierte seiner vier 'Wahren Geschichten aus Südwest'. Sie ist so bizarr, dass sie nur das Leben selbst erfunden haben kann: Ein Naziverbrecher rühmt sich öffentlich seiner Taten, weil er sich aufgrund eines Sondergesetzes vor Strafverfolgung sicher glaubt. Wie Brenner das im eiskalten Kleist-Stil berichtet, muss man gelesen haben ' ein Lehrstück von Sühne und Schuld, angesiedelt auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion.