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Letzte Gedichte
 
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Letzte Gedichte [Englisch] [Gebundene Ausgabe]

Ernst Jandl , Siblewski Klaus

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Aus der Amazon.at-Redaktion

Sein Name ist in der deutschsprachigen Literaturgeschichte heute einer der großen. Der Lyriker, Schriftsteller und Autor Ernst Jandl zählt zum Kanon derjenigen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Schreibe in unseren Breiten ausschlaggebend mitformten. Seine Vorträge sind Legende, seine Formungen prägend. 1997 gab Klaus Siblewski Jandls poetische Werke heraus, nachdem er bereits Jandls Gesammelte Werke in drei Bänden 1985 vorgelegt hatte. Siblewski ist also ein Wissender. Jetzt hat er sich zugetraut, nach Jandls Tod (9.6.2000) die nachgelassenen Texte, Jandls Letzte Gedichte herauszubringen.

Das ist immer so eine Sache: Was wird da ausgekramt, was gesammelt und was für wert befunden, in ein solches Kompendium aufgenommen zu werden. Siblewski konnte sicherlich auf einen Fundus zurückgreifen, aus einem Zettelkasten auswählen, den er, als Kundiger, prima durchstreifen durfte. Herausgekommen ist, ja nun: Ein letzter Querschnitt aus Jandls Arbeiten, was da sind deutschsprachige Texte, englische, Mundart, Einzeiler von aphoristischer Art, Tagebuchnotizen, Merksätze, Erinnerungsfetzen. Immer witzig und grau und wild und sinnlich. Späte Texte halt, etwa "o ihr gottverfluchten alten / löset eure kummerfalten."

Nach Luchterhands großer Jandl-Ausgabe 1997 ist dies eine Art Zusatzband, den jeder Jandl-Fan besitzen sollte. Weil die letzten Texte so unterschiedlich sind, weil sie oft so persönlich scheinen, weil sie möglicherweise vom Autor gar nicht mehr für eine Veröffentlichung gedacht waren. Und weil sie, nicht gelesen als Nachlass, sondern als Neutext, noch so lebendig sind. Kleine Entdeckungen eben. --Nils Jensen

Neue Zürcher Zeitung

rot sei gott

Ernst Jandls «Letzte Gedichte»

Kurz bevor Ernst Jandl im Frühsommer des vergangenen Jahres starb, hatte er offenbar noch an die Zusammenstellung einer Auswahl neuer Gedichte gedacht: Auf seinem Schreibtisch hinterliess er, in zwei Mappen sorgfältig vorsortiert, rund einhundert Typoskriptseiten, die nun grösstenteils, ergänzt durch verstreute Texte aus älteren Ablagen, als seine «letzten Gedichte» greifbar sind. Nur ganz wenige dieser Arbeiten scheinen ihre «letzte» Form tatsächlich gefunden zu haben, Versbau und Strophik wirken eher fahrig, werden oft bloss angedeutet, dann wieder aufgelöst, Wortwitz und Wortspiel begegnen ebenso selten wie der Endreim, der im Übrigen fast ausschliesslich parodistisch eingesetzt wird. Experimentelle Textfügungen, wie man sie von Jandl bisher kannte und erwarten durfte, sind einer schonungslos privaten Sprechweise gewichen, deren Intonation zwischen grimmiger Trauer und scharfem Lästern ständig wechselt.

Letzte Worte, letzte Werke sind gemeinhin auf testamentarische Erhabenheit und Endgültigkeit angelegt, man achtet wohl weniger auf ihren Kunstcharakter als auf ihren Wahrheitsgehalt, der tote Autor, der seine Leser als Überlebende anspricht, gewinnt leicht die Autorität eines Propheten oder wenigstens die eines Wegweisers, seinem Vermächtnis wird, so scheint's, mehr Zukunft als Vergangenheit zugestanden. Wer Jandls «Letzte Gedichte» mit solchen Erwartungen zur Hand nimmt, wird sich getäuscht haben und also enttäuscht sein. Denn Verheissungen, zumal positive, gibt es hier keine, es gibt weder Hoffnung noch Trost für uns Lebende, die wir ja auch bloss befristet Weiterlebende sind – nicht einmal in der Möglichkeitsform ist bei Jandl die Rede davon, dass der Mensch jemals wesentlich werden, jemals sich selbst erkennen, sich über die eigene, von Geilheit und Krankheit erbarmungslos gebeutelte Leiblichkeit erheben könnte.

Was den «Letzten Gedichten» – auf der Aussageebene – als Fazit abzugewinnen ist, lässt sich resümieren in dem einen Schimpf- und Schandwort: «Scheisse». Scheisse ist das Leben, Scheisse ist die Liebe, Scheisse ist die Kunst, Scheisse ist Gott, Scheisse bin ich. «Ich» ist schon deshalb Scheisse, weil es – so Jandl – weiss, dass es Scheisse ist und niemals sich selbst zu entsorgen vermag: «so steck ich mein hals in die schling / und fresse am gott der gespenster / was noch nicht durch mein arschloch ging»; «ich scheiss auf die sonne und hätte / so gern einen strahlenden sohn»; «weil ich ein von massloser feigheit gesteuertes schwein bin / unfähig willentlich unterzutauchen ins unausweichliche». Das dem Autor zum Verwechseln ähnliche, durchaus unlyrische Ich klammert sich, verzweifelnd, an den «schöpfer himmels und aller verderbnis / und an seinen in diese scheisse hineingeborenen sohn», mit dem es sich, einem obsoleten Künstlermythos des späten 19. Jahrhunderts entsprechend, geradezu zwanghaft identifiziert.

Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». Gott-Vater und Gott-Autor vereinigen sich in einem andern Gedicht zum gigantomanischen Ejakulator, der reihenweise Ordner füllt «mit blättern DIN A4 / jedes datiert, an jedem festgetrocknet / je ein ejakulat, seit pubertät / bis dato, da er dem himmel nahesteht. / ein spermawerk äusserster konsequenz / zeugnis poetischer integrität.» Radikaler könnte die Verachtung der Poesie als Spracharbeit und deren höhnische Überbietung im Akt der Onanie nicht sein – «speichelreim . . . schamhaaranagramm . . . wortabort».

Jandl wagt das Sakrileg, doch da er es im Wort, nicht in der Tat vollzieht, verfällt er der Sprache umso mehr. Weit entfernt davon, an ihr zu scheitern, behauptet er sich, indem er dichterisch (mit diskretem Anklang an «Ein gleiches») von seinem Scheitern spricht, in der Sprache als Mensch, als Mann: «wozu besitze ich / noch eine stimme / noch finger die / ein wort hinschreiben können // ich habe keinen ruf / ich schreibe keinen brief / die vöglein im walde erklingen.» Auch der Käfer, den er auf seinem Weg zertritt, bleibt nur als Sprachding gegenwärtig – als «zertretenes gedicht» geht er, buchstäblich, in die Literatur ein, bekommt einen Titel, eine Druckseite zugewiesen, hat Anteil an der ganz andern, rein sprachlich verfassten Wirklichkeit der Dichtung. Der Autor selbst bleibt, wie der Leser, aussen vor, solang er zu den Lebenden gehört; erst als toter Autor gewinnt er, endlich Wort geworden, lebendige Präsenz im Text: «. . . ich schreibe / dass der vater / tot ist / dass die mutter / tot ist / du / schreibst dann / dass ich / tot bin.» Erst aus jener Ferne wird er «dann vielleicht» auch – glaubhaft, aufmunternd – sagen können: «lebt wohl, ihr lebenden . . .»

Felix Philipp Ingold


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