Auf das "Naxos"-Label ist wieder mal Verlass: Wieder einmal hat dort jemand, diesmal war's ein gewisser Peter Dempsey, Schönes und Kurioses, Gassenhauer und nahezu Unbekanntes eines Urgestein-Großen ausgegraben, in erstaunlich gut restauriertem Klang zusammengestellt und sachkundig kommentiert. Und wieder einmal glaubt man zunächst seinen Augen nicht, wenn man den Preis sieht. Aber man liest richtig: Man hält eine Zusammenstellung von 18 feinen Cole-Porter-Songs in Händen. Wohlgemerkt: Keine "Greatest Hits"-Zusammenstellung ist das hier, neinnein, das hier ist viel besser.
Knapp die Hälfte singt Porter selber, und "die größere Hälfte" interpretieren Porters Zeitgenossen so, wie ich's liebe: Ohne Bigband-Bombast und Bläsergeschwader, dafür mit Schwung, mit Liebe fürs Detail und viel Sinn für die Eigenarten der Melodien, die in diesen Versionen nie belanglos oder "glatt" klingen.
Eigentlich assoziiert man den Namen "Cole Porter" ja mit Bigband-Jazz der 30er und frühen 40er Jahre, und natürlich mit Musicals und mit Filmmusik. Und man denkt an Tommy Dorseys Version z.B. von "Night and Day" oder Ella Fitzgeralds "Begin the Beguine", an Frank Sinatra oder an Louis Armstrongs "High Society". Diese Songs enthält die CD "Let's Misbehave! A Cole Porter Collection 1927-1940" nicht, auch nicht Porters Originalaufnahmen von ihnen. Der Schwerpunkt liegt woanders, weit entfernt vom sattsam bekannten zeitgenössischen Bigband-Sound. Trotzdem ist das Musik der 30er in Reinkultur, und zwar vom Feinsten. Keine Bigband in Kompaniestärke durfte an Bord, dafür Seltenes, ganz einfach Schönes und Kurioses. Beim Hören einiger Nummern kommt man sich vor wie Long John Silber beim Wühlen in einer goldstückprallen Schatzkiste.
Manches ist sicher Geschmacksache; manchmal klingt das begleitende Piano etwas glatt ("I'm a Gigolo"), manche Tracks klingen stellenweise etwas merkmallos und gefällig (z.B. "Love for Sale" von den Warning's Pennsylvanians). Aber dafür gibt's jede Menge Kontrastprogramm: Etwa Cole Porters vokale Kampfansage an die Strahlemann-Tenöre der Welt, besonders hinreißend in "The Cocotte" und "I'm a Gigolo", und bemerkenswert intonationssicher und vor allem beeindruckend in "Two Little Babes in the Wood". Nicht immer intoniert Porter allzu sicher, gelegentlich quakt er gar ein wenig -- aber genau damit trifft er einfach das Wesen seiner Songs.
Freilich gibt's hier auch musikalisches Immergrün, aber in zu Unrecht unberühmten Versionen (jedenfalls, was meine löchrigen Kenntnisse betrifft): "Let's Misbehave" von Irving Aaronson & His Commanders swingt unwiderstehlich lakonisch im Charleston-Rhythmus; oder "They All Fall in Love" -- wenn Bigbands nur immer so klar strukturiert klingen würden wie Jack Hylton & His Orchestra! Die grandiose Ethel Merman in Begleitung versprüht resolut orientalische Schwüle in "Deep in the Depths" -- und erinnert an Zeiten, als noch nicht ein Musical klang wie das andere. Und Xavier Cugats herzensbrechender "Waltz down the Aisle" hat schrägen Charme.
Einen wunderschönen Abschluss hat das Album auch -- nämlich den feinen Kontrapunkt zum einleitenden quietschfidelen "Let's Misbehave": Als 18. und letzten Track intoniert und inszeniert Rudy Vallee mit seiner Band ein übermütiges "Let's Do It! (Let's Fall in Love)" mit Witz und Charme, mit "Ouwwwl", "Kvaaak" und einer ganzen Stimmband-Menagerie, dass man einfach nicht genug kriegen kann. Selten sind sechs Minuten so schnell vorbei...