Wer Bruce Weber's Film "Let's Get Lost" über (und mit) Chet Baker zuvor schon gesehen hat und für wen dieser einzigartige Trompeter eine Sonderstellung in der 'Gallery Of Jazz Icons' einnimmt, kann nun aufatmen: Endlich ist der Film, den man sich schon so lange erneut ansehen wollte und dessen Veröffentlichung sich dabei noch um ein Jahr verschoben hat, nun doch auf DVD in Deutschland erhältlich.
"Let's Get Lost" ist, meines Wissens, der einzig existente Film, der Chet Baker's Leben portraitiert - dabei nicht wirklich chronologisch, oft chaotisch, als ginge es darum, avantgardistischen Maßstäben gerecht werden zu müssen ... und dennoch, in seiner Quintessenz, recht vollständig. Komplett in Schwarz/Weiß geschossen, bringt "Let's Get Lost" noch einmal Eindrücke aus anderen Zeitabschnitten zum Vorschein ... die Frühzeit: Chet als Trompeter beim Gerry Mulligan Quartet, der Haig Club, West Coast Jazz, Chet und 'Bird' (Charlie Parker), Chet, der 'James Dean der Jazz Szene' ... Zeitzeugen wie Dick Bock (Aufnahmeproduzent Pacific Records) oder Sängerin Ruth Young (Chet's Liäson in den 70ern) sowie auch Jazz-Star-Fotograph William Claxton kommen zu Wort, seine letzte Lebenspartnerin Diane Vavra, seine Mutter und zudem auch seine Frau Carol Baker und seine Kids ... aber vor allem auch: Chet selbst! Dieser Film ist nicht allein über Chet, der Mann selbst wirkt mit und dabei sind diese Aufnahmen, visuell wie musikalisch, einige seiner allerletzten. Anhand von alten Fotos, sowie Videoaufzeichnungen (darunter auch Szenen aus den Spielfilmen, in denen Chet Baker zu sehen ist), versehen mit Kommentaren ehemaliger Wegbegleiter oder von Chet selbst, wird die Vergangenheit wieder lebendig ... und dies auch sehr eindrucksvoll für Menschen, die es bislang mit Jazz nicht so hatten und denen der Name Chet Baker nicht viel sagt - dieser Dokumentarfilm repräsentiert keinesfalls allein ein Highlight für Insider, sondern sei gleichermaßen all jenen empfohlen, die einen Zugang zu dieser Art von Musik suchen: Ein guter Einstieg!
Und während Chet's Musik fortwährend präsent ist - sei es durch das Abspielen der klassischen Aufnahmen im Hintergrund oder durch die, für diesen Film entstandenen Neueinspielungen - sieht man im Wechsel mit dem Vintage-Material auch immer wieder den aktuellen Chet ... vor der Kulisse kalifornischer Palmen in L.A. oder in irgend welchen Räumen gefilmt erzählt Chet selbst aus der Vergangenheit, u.a. aus seiner Army Zeit, von seiner früheren Frau Halima, Arrest Erfahrungen, wie es später dazu kam, daß er seine (für einen Trompeter unverzichtbaren) Frontzähne verlor, welcher Drogen-Cocktail ihm den größten Kick verschafft oder er läßt sich über andere Musiker-Kollegen aus. Dabei gibt der vom Leben (von seinem Leben als Musiker und Junkie) Gezeichnete durchaus kontrastreiche Bilder ab: Zuweilen erlebt man ihn völlig 'zugedröhnt', in anderen Momenten wirkt er gedanklich erstaunlich sortiert.
Ein einzigartiges Stück vergangener Jazz-Geschichte wird durch diese DVD-Veröffentlichung nun wieder lebendig und sorgt beim einen sicher für Erinnerungen, spendet anderen bestimmt Inspiration und stellt in jedem Falle immer eine Bereicherung für jeden dar, dessen Hobby und/oder Leidenschaft sich primär durch vier Buchstaben definiert: J-A-Z-Z.
Als Bruce Weber "Let's Get Lost" 1988 nach dem finalen Schnitt der Welt präsentierte, weilte Chet Baker bereits nicht mehr unter den Lebenden, um seinen niemals vollständig aufgeklärten Todesfall ranken sich seither Mythen und Legenden - nichts davon kann eindeutig belegt oder dementiert werden. Dieser Film, in englischer Originalsprache mit deutschen Untertiteln (und ein wenig Bonus-Filmmaterial), rollt jedoch noch einmal Chet's Leben auf ... das, was wirklich zählt! "Let's Get Lost" ist ein 'Muß'!!!
-- theSilentNoirFreak