Meine Kusine Sophie sagt gerne, dass ich mich mit französischer Musik besser auskenne als sie. Das ist insofern schmeichelhaft, als sie Französin ist. Und da sie so nette Sachen über mich sagt, aber auch, um ihr zu zeigen, woher ich meine Kenntnisse beziehe, bekommt sie immer die aktuelle Ausgabe der "LeTour" geschenkt. Die läuft dann bei ihr in Dauerschleife, sagt sie, da die ganze Familie (7-41 Jahre) verrückt danach ist. Am besten findet sie es aber, wenn sie Freunde fragen, was das für eine Compilation sei und wo man sie erwerben könne. Das ungläubige Staunen, das ihre Antwort "In Deutschland" auslöst, ist ihr immer ein zusätzlicher Genuss zu dem der Musik. Glücklicherweise hat Thomas Bohnet mit seiner sechsten Ausgabe wieder mal für ein Weihnachtsgeschenk gesorgt. Und für was für eins! Wenn das überhaupt geht, ist die Nr. 6 noch besser als seine Vorgänger, da wahnsinnig frisch. Zuerst runzelte ich skeptisch die Stirn, als ich hörte, dass hauptsächlich Newcomer vertreten seien, doch sie glättete sich schnell wieder, als ich die CD das erste Mal auflegte. Da versteht jeder sein Handwerk und knallt uns seinen Beitrag auf so herzerfrischende Weise um die Ohren, dass man sofort lostanzen möchte. Allen voran kann man da das Küken Lou Cadiny nennen, deren "Pour t'oublier" einfach mal so richtig rockt. Das Spektrum reicht von Balkan, Flamenco, Barjazz, Soul, HipHop, Reggae bis hin zu Liedern, die direkt aus den Sixties zu stammen scheinen, wie zum Beispiel das mit dreckiger Stimme vorgetragene "La poésie du dos des boîtes". Schwache Nummern gibt es auf der CD nicht, nicht einmal schwächere. Ein besonders breites Grinsen zaubert mir das wunderbar abgedrehte und hypnotische "Dring Dring" ins Gesicht. Auch Rachel des Bois begeistert mich mit ihrem beschwörend-treibenden Mantra zum Tantra "Douceurs de l'amour". L'Homme Parle liefert mit "Militants du quotidien" einen mehr als würdigen Nachfolger ihres grandiosen Hits "La crise" - das scratcht, pfeift und hiphopt so gutgelaunt, dass man glaubt, damit die gesamte europäische Finanzmisere hinweggroven zu können. Das ganz große Soulfass machen hingegen The Mighty Mocambo zusammen mit Caroline Lacaze auf: "Physique" heißt ihre blubbernde Tanzverführung. Die charmant schräge Karimouche singt mit "Atmosphère" um ihr Leben - oder doch um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und zwar in der Métro: absolutes Chanson-Kino!
Ach, Sophie, bei dem Geschenk wird Dein Weihnachten beneidenswert werden. Und immer schön dazu sagen, dass es "Fabriqué en Allemagne" ist!