Das Jahr 1992 war eines der bahnbrechendsten für den West Coast Rap, was einem Mann, nämlich Dr. Dre und seinem großartigen Debüt "The Chronic" zu verdanken ist. Ex-N.W.A-Kollege Ice Cube droppte kurz vor Dre seine wohl beste Scheibe "The Predator", welche sich durch viel Abwechslung und gute Texte auszeichnen konnte, nebenbei noch viele Hits zu bieten hatte. Am Nachfolger "Lethal Injection" aus dem Folgejahr merkt man deutlich, dass der Erfolg von Dr. Dre und Death Row nicht spurlos an Cube vorbeigegangen war und er sich auch ein Stück vom G-Funk Kuchen abschneiden wollte. Die Produktionen, die u.a. von Sir Jinx, QDIII und Madness 4 Real kommen, orientieren sich unverkennbar am Sound des Doktors und auch lyrisch konzentrierte sich Ice Cube nun auch weniger auf politische Botschaften, sondern machte wieder Gangsterrap, wie wir es aus N.W.A Tagen bzw. vom Death Row Camp kennen.
Der Opener "Really Doe" erinnert noch etwas an die alten Alben, wirkt düster, ruff und verschachert, könnte auch gut von Cypress Hill stammen, dazu spittet Ice Cube nicht wie früher aggressiv und voller Wut, sondern eher entspannt und souverän. "Ghetto Bird" hingegen zeigt, dass der Eiswürfel auf diesem Album eher versucht hat noch auf einen Trend aufzuspringen, anstatt sein eigenes Ding durchzuziehen. Alles, egal ob die straffen Beats, die Claps oder der typische G-Funk Synthie-Sound erinnern an den Doktor aus Compton, hat zwar nicht ganz dessen Qualität, geht aber dennoch richtig gut ab und dürfte West Coast Heads mit der Zunge schnalzen lassen. Ähnliches gilt für "You Know How We Do It", das allerdings noch eine Spur melodischer und funkiger ist, daher zum Entspannen einlädt - nice!
Weniger überzeugend wäre da "Cave Bitch". Zwar geht Ice Cube hier richtig bissig zur Sache, was dem Song auch noch den Status der Mittelmäßigkeit einbringt, die Produktion wirkt hingegen etwas eintönig und langweilig, als hätte man versucht den harten alten Sound zu wiederholen, aber es nicht geschafft. Ein wahres Meisterwerk hingegen findet man mit der Kollabo mit Altmeister George Clinton. Der gute hat für "Bop Gun (One Nation)" seinen eigenen Hit "One Nation Under A Groove" mitgebracht und neu aufgelegt. Daher rhymt der Eiswürfel über ein flottes Stück, das vor P-Funk nur so trieft, was sich echt klasse anhört. Allerdings ist hier eindeutig George Clinton der Star des 11:17 Minuten (!) langen Songs. Etwas emotionaler ist "What Can I Do?" gehalten. Es hat zwar wieder auch einige Funk-Elemente, diese können die düsteren Melodien nicht überdecken, weshalb am Ende eine zwar groovende aber auch dunkle und ernsthafte Nummer dabei entsteht.
Nach dem knochenharten "Lil Ass Gee" folgt mit "Make It Ruff, Make It Smooth" ein Lied, das vor Allem dem zweiten Teil des Titels alle Ehre macht, denn es ist wirklich sehr smooth. Laid back Beat, dazu E-Bass, der für Funk sorgt und ein bisschen abgefahrenes aus der Elektronik, fertig ist ein tolles Instrumental. Als Feature ist hier K-Dee mit am Start. Der kann Ice Cube zwar nicht ganz das Wasser reichen, dennoch ist er eine nette Zugabe, da sich das abwechselnde rappen doch sehr gut anhört und keine Langeweile aufkommen lässt. Drückende, harte und besonders langsame Bässe trifft man auf "Down For Whatever" an. Es klingt etwas unheimlich und verrucht, ist damit die perfekte Untermalung für Ice Cube's wiedergefundene Liebe zum Gangsterrap. "Enemy" hingegen geht noch mal in die politische bzw. rassistische Richtung und erinnert doch sehr stark an die beiden Vorgänger-Alben. Laut, kraftvoll, melodisch und aggressiv, noch ein bisschen Old School Style dazu und Cube in Bestform.
Die Original-Version von "Lethal Injection" endet nun mit "Whe I Get To Heaven". Wie der Name schon sagt ist dies ein eher nachdenkliches Lied, das viel auf gefühlvolle Melodien setzt und einen entspannten und friedlichen Cube bietet. Der Remaster beschert einem weitere 4 Songs, bei denen es sich aber nur um Remixe handelt. Von "What Can I Do?" sind sogar gleich zwei mit dabei, wobei diese sich in den Westside und den Eastside Remix aufteilen. Allerdings muss man sagen, stünde nicht dabei welcher welcher ist, so könnte man sie auch glatt verwechseln, denn sie klingen beide nach Standart West Coast Sound. Deutlich besser ist da der zu "You Know How We Do It", ein fröhlicher und sehr funky Smash, der für gute Laune sorgt. Beendet wird das Ganze mit dem "Lil Ass Gee" Remix, einem düsteren Banger, der das Original sogar übertrifft.
Viele kritisieren Ice Cube dafür, dass er sich mit diesem Album eher angepasst hat, als aus der Masse hervorzustechen. Ich persönlich bin ihm für dieses Werk eigentlich sehr dankbar, denn auch wenn ich seine älteren Sachen sogar ein bisschen besser finde, hätte ich mir mehr Sachen von Ice Cube auf G-Funk Beats gewünscht und da es mit "Natural Born Killaz" auch nur eine Zusammenarbeit mit Dr. Dre während der großen Zeit gab, ist "Lethal Injection" so etwas wie ein kleines Trostpflaster. Man hätte sicherlich noch ein bisschen mehr aus dem Album rausholen können, dennoch dürfte jeder Fan von West Coast Rap Anfang bis Mitte der 1990er bestens mit dieser Scheibe bedient sein, Anhänger von Cube müssen auf jeden Fall zuschlagen, da er später nie mehr an diese Klasse heran kam.