Es mag ja sein, dass "Let it be" negative Assoziationen auslösen kann, weil es eben 1970, im Trennungsjahr der Beatles erschienen ist und mit Sicherheit auch in einer Phase aufgenommen wurde, in der innerhalb der Gruppe keine Harmonie mehr herrschte,
aber warum immer wieder auch Beatles-Fans dieses Album in musikalischer Hinsicht kritisieren, ist mir ein Rätsel.
Wenn man mal von den überflüssigen Kurzeinwürfen "Dig it" und "Maggie Mae" sowie dem alten, wiederaufgekochten "One after 909" absieht, sind auf der Scheibe nur Songs zu finden, die auch für Beatles-Verhältnisse einfach nur stark sind.
Beim Opener "Two of us" wird, recht überraschend, feinster Folk-Rock geboten; trotz seiner etwas rohen Ausstrahlung reißt Lennon's "Dig a pony" richtig mit, steht jedoch im Schatten von dem wohl schönsten Beatles-Song überhaupt: "Across the universe", wunderbar melancholisch und verträumt, mit zeitloser Melodie, packendem Sound und erhebenden lyrics; natürlich ein John Lennon-Song.
Mit "I me mine" unterstrich George Harrison, dass er sich, hätte es die Beatles weiterhin gegeben, durchaus zum Top-Songwriter der Gruppe hätte entwickeln können.
Der unsterbliche Song "Let it be", den nun wirklich jeder kennt,
das rockige "I've got a feeling" und der butterweiche, zuckersüße Abschiedssong "The long and winding road" zeigen eindeutig, wer bei den Beatles für die radiotauglicheren, aber trotzdem qualitativ keineswegs schwächeren Songs verantwortlich war, nämlich Sir Paule McCartney, is doch klar.
Etwas lockerer geht es am Ende des Albums zu, mit den bluesigen Songs "For you blue" (Harrison) und "Get back" (Lennon/McCartney). Ich hätte es zwar schöner gefunden, etwas hochtragendere Lieder ans Ende der Plattenkarriere der erfolgreichsten Band aller Zeiten zu setzen, aber sei's drum,
"Let it be" kann mit den anderen großen Beatles-Alben in Bezug auf Songwriting locker mithalten.