Seit den Tagen Plutarchs gelten Doppelbiografien als ein besonderes Genre bei der literarischen Schilderung bedeutender Persönlichkeiten. Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Schnittmengen und Trennendes zu verfolgen, ist nicht nur für den Autor eine besondere Herausforderung, sondern kann für den Leser auch zum besonderen Vergnügen und geistigen Gewinn werden. Voraussetzung ist natürlich, dass der Verfasser sein Metier so souverän beherrscht, wie dies Vera Forester in ihrem Buch über Lessing und Moses Mendelssohn anschaulich unter Beweis stellt.
Ist es ein Zufall, dass diese 2001 erstmals erschienene "Geschichte einer Freundschaft" gerade jetzt, in Zeiten Sarrazinesker Aufgeregtheit, neu durchgesehen und überarbeitet auf den Markt kommt? Jedenfalls wirkt das, was da auf 220 Seiten über die Begegnung zweier heraus ragender Geister ihrer Epoche zu lesen ist, auch auf die Gegenwart bezogen wie ein Plädoyer für eine humane und tolerante Gesellschaft, in der die Kunst des intellektuellen Austauschs, aber auch das menschliche Miteinander nicht zur Klamotte von Talkshows und zum Abtausch von Schlagwörtern verkommen ist. Und dies gerade deshalb, weil die Darstellung die Unterschiedlichkeit dieser beiden Männer keineswegs ausspart, sondern immer wieder in deutlichen Konturen und glänzend ausformulierten Facetten nachzeichnet.
Hinzu kommt, dass sich Vera Forester ebenso sicher auf dem Gebiet philosophisch-literarischer Reflexion bewegt wie im Bereich der alltäglichen Lebensgeschichte und deren sozialer und ökonomischer Hintergründe. Von gelehrter Langeweile kann in diesem Buch jedenfalls an keiner Stelle die Rede sein! So liest man vor allem im Hinblick auf Moses Mendelssohn mit Bewegung und Anteilnahme, wie sich dieser als Jude lebenslang diskriminierte Philosoph aus den ihm auferlegten Beschränkungen zu freiem Denken und couragiertem Handeln aufgeschwungen hat. Und registriert in Hinsicht auf Lessing einmal mehr, dass Aufklärung und Vernunft mehr sind als abstrakte Formeln, sondern, schwierig genug, im gelebten Leben unter Beweis gestellt werden müssen.
Damit soll keineswegs einem naivem Optimismus das Wort geredet werden: Ob Multikulti gescheitert ist oder wie Immigranten und Einheimische gedeihlich miteinander umgehen und zusammen leben, können uns weder Lessing noch Mendelssohn sagen, das müssen wir schon selbst tun. Aber ihrer beider Wege geben zu der Hoffnung Anlass, dass das, was auf dem kleinen Raum einer persönlichen Freundschaft gelang, auch im großen Rahmen der Gesellschaft möglich bleibt - und sei es als uneingelöste, jedenfalls immer wieder neu einzulösende Utopie. Nicht zuletzt für diese Hoffnung ist der Autorin und ihrem schönen Buch zu danken.