Das Schaufenster meiner Lieblingsbuchhandlung, nur wenige Hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, ist, genau wie der Laden selbst, eine Schatztruhe. Eher hoch als breit, eine Ecke für Kinder, der separate Schaukasten für Philosophisches und dazwischen alles, was an belletristischen Neuerscheinungen (ein paar Biographien, Reiseberichte und Kunstbände runden das Bild ab) Leser sucht. Jeder Zentimeter Fläche wird genutzt, da liegen und stehen Bücher versetzt hinter und nebeneinander, seitliche Vorsprünge erlauben das Streben in die Höhe, und man braucht mindestens fünf Minuten, um mit viel Kopfdrehen und -wenden und mehrfachem Standortwechsel alles zu erfassen. Das Schaufenster wird fast täglich umdekoriert, Vorhandenes wird verkauft, Neues kommt hinzu, und es bieten sich immer wieder Überraschungen.
Grundsätzlich bin ich kein Fan von Backsteinbauten, aber von dem fröhlichen Schutzumschlag mit den hohen, gotischen Giebeln, den weißen Fensterrahmen und dem strahlend blauen Himmel ging eine große Anziehungskraft aus - und dann noch der Untertitel: "Der Butt, die Baukunst und das Meer" - das musste einfach ein schönes Buch sein!
Ist es auch: Von Lübeck aus geht es die Küste entlang nach Osten, Wismar, Bad Doberan, Rostock, Stralsund, Greifswald - für mich als Süddeutsche eine völlig fremde Welt, aber offenbar sehenswert, erlebenswert. Überall findet Kristine von Soden Faszinierendes und Wissenswertes zu berichten - von der Weinhandlung, für die Günter Grass Etiketten entwirft über eine wunderbar zweckentfremdete alte Apotheke in Wismar bis zur gewaltigen Orgel (Baujahr 1659) in Stralsund. Es lässt sich offenbar gut leben, dort oben an der Küste. Das Buch macht Lust, die Gegend selbst einmal zu erkunden, und solange das nicht möglich ist, bietet es der Vorstellung reichlich Nahrung. Was will man mehr?