Christian Adam, Lesen unter Hitler, Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich, Verlag Galiani Berlin 2010, 383 Seiten
Der gelernte Germanist und Publizistikwissenschaftler Christian Adam, der sein Interesse an der nationalsozialistischen Medienpolitik durch eine Dissertation über Wilfrid Bade angekündigt hat, legt mit dieser Publikation eine umfassende und stark personalisierte Sichtweise der Literaturpolitik im Dritten Reich vor. Fürwahr eine Publikation, die, nicht zuletzt wegen ihrer imponierenden Materialdichte, fortan in den Regalen von zeitgeschichtlich arbeitenden Pädagogen stehen sollte.
Adam weiss sich in seinem Thema unterstützt von mancherlei Vorarbeiten, wobei vor allem an die Untersuchungen von Jan-Pieter Barbian zu denken ist, der erst jüngst wiederum die Literaturpolitik im Dritten Reich" (2010) von der ,Gleichschaltung bis zum Ruin' porträtiert hat.
Aber die hier vorliegende Recherche geht dem Thema mit einem anderen Blick nach. Adam untersucht die Bestseller in finsterer Zeit" (S. 45 ff), die er als Indikatoren für den Zwiespalt von zeitgenössischem Lesegeschmack und dirigistischer Bevormundung sieht, und die Auskunft darüber geben, dass es Literaturpolitik jenseits des nationalsozialistischen Lektürekanons für die Schulen eigentlich nur bedingt gegeben hat. Darüber hinaus zeigen die Bestseller, dass zwischen den Ministerien des ideologisch eingeengten Rosenberg und des propagandistisch kalkulierenden Goebbels ein tiefer Dissens bestand, der Adam zu der bündigen Aussage anleitet: "Wichtigstes Resümee bleibt im Blick auf die Bestseller im Dritten Reich: Eine einheitliche Literaturpolitik hat es nie gegeben"(S. 318, auch S. 18 dort spricht er deutlich vom Kompetenzwirrwarr").
Und in der Tat, in der gewiss akribisch erstellten Liste der Bestseller (S. 323), die alle eine Auflage von 100.000 Exemplaren überschritten haben, begegnen Titel deren Mischung nicht unbedingt für ein verbindliches Konzept stehen.
Victor Klemperer hat in seinen Tagebuchaufzeichnungen das Wundersame und Verwunderliche der Bestseller im Dritten Reich im Beispiel von Ina Seidels Wunschkind" eingefangen: "Ich sagte mir, wenn ein Wälzer von über 1000 Seiten , 1930 erschienen, es auf 350.000 Exemplare gebracht habe, dann müsse er irgendwie charakteristisch für das Denken seiner Zeit sein. Woraus ich die Berechtigung vor mir selber schöpfte, den Band zu lesen" (S. 10 f).
Die naive und historisierende Wunschkind-Geschichte um die jung verwitwete Cornelie Echter von Mespelbrunn und deren Sohn und das sentimentale Durchhaltepathos in napoleonischer Zeit haben erstaunlicherweise alle Systeme überstanden; selbst in der Bundesrepublik- zumindest bis hin zu einer Taschenbuchausgabe von 1987- fand das Epos noch seine Leserschaft, wozu auch der essayistisch versierte Christian Ferber, der Sohn Ina Seidels, Einiges publizistisch beigetragen haben mag. Nebenbei: bei Ina Seidel musste die Nähe zum Nationalsozialismus nicht erst mühsam aus diesem, Roman" genannten Kompendium herausgelesen werden.
Natürlich stehen in der Bestsellerliste die Bücher von Hitler und Rosenberg an der Spitze, wobei freilich Rosenbergs Mythos des 20. Jahrhunderts " mit einer Auflage von 1.1 Millionen Exemplaren weit übertroffen wurde von der Humor-Postille: "VB-Feldpost(Hg), Darüber lache ich noch heute. Soldaten erzählen heitere Erlebnisse. Berlin 1943".
Man sieht die Genres gehen schon hier durcheinander und setzen die Schwerpunkte für einen Zeitgeist, der sich aus Politik, Belletristik, Boulevard, seichter Privatheit und Sachinformation scheinbar wahllos zusammenzukomponieren versuchte.
Der Eindruck des Zufälligen und der Begünstigung des Zweitklassigen zahlreicher Publikationen bleibt bestehen.
Und anders als die Geschichte der verbrannten Bücher (jetzt: Julius H. Schoeps, Werner Tress (Hg.), Verfemt und verboten, Vorgeschichte und Folgen der Bücherverbrennungen 1933, Hildesheim 2010), ist die Geschichte der Bestseller, sie nennt Adam das Gegenstück, die Negativform, nicht so rigoros, technisch perfekt, ehrabschneidend und infam abgelaufen.
Dieser Eindruck wird bekräftigt durch die systematische Ordnung, die Adam in Form der 10 erfolgreichsten Buchtypen im Dritten Reich" (S. 85ff) vornimmt. Die Gruppierung erfolgt eben nicht nach germanistischen Klassifikationen oder Stilkriterien, sondern nach inhaltlichen Auffälligkeiten:
* Populäre Sachbücher (S. 87, hier gehört u. a. Schenzingers Anilin"),
* NS-Propaganda Schrifttum (S. 115 Hitler, Goebbels, Rosenberg),
* Kriegstagebücher (S. 135, Werner Beumelburg, Günther Prien),
* Humor und Komik (S. 168 ff, W. Busch, L. Thoma; hier auch Vom Kz-Insassen zum Erfolgsautor- Ehm Welk und die Heiden von Kummerow"),
* Unterhaltungsbuch (S. 175, Hans Fallada),
* Wa(h)re Volksliteratur (S. 197, Karl May, Courths-Mahler),
* Bestseller aus dem, Ausland (S. 223, Knut Hamsun, Antoine de Saint Exupery, Margaret Mitchell),
* Im Schatten der Klassiker (S. 249, Rilke, Hesse, Bergengruen)
* Blut ohne Boden (S. 271, Hans Grimm, Hans Johst, Friedrich Blunck)
* Lesefutter im Krieg (S. 293, darunter: Ernst Jünger Auf den Marmorklippen").
Es mag als tröstlich angesehen werden, dass die meisten Bestseller heute nurmehr mehr als verwehte Vergangenheit aufscheinen, und selbst die Namen der Autoren sind für die Nachgeborenen wohl zumeist Hekuba.
Die Zeit des Nationalsozialismus begünstigte die Talente aus dem zweiten und dritten Glied und beförderte eine Literatur deren Politikferne, in der Gunst und der Selbsttäuschung des lesenden Publikums zu stehen schien. Um diesen Niedergang ist es nicht Schade.
Man muss dem Verfasser Umsicht und Fleiß attestieren, auch ein Geschick, den Gegenstand nicht nur wissenschaftlich aufzubereiten, sondern auch gelegentlich eine handliche Form zu wählen, die da und dort Wiederholungen und sprachliche Volten einschließt. Im Schlusskapitel hätte man gerne noch darüber gelesen, wie die Germanistik in der Nachkriegszeit mit diesem Thema umgegangen ist.
Joachim H. Knoll Bochum/Hamburg