Am meisten spricht einen an, worin man sich selbst wieder erkennt: Die Schuhe ausgezogen, die Beine auf dem Tisch, die Jacke über die Lehne des Bürostuhles gehängt, - und plötzlich versinkt der Herr Rezensent wie in Bewusstlosigkeit, hervorgerufen von einem verschlingenden Buch, das Fenster ist offen, der Tee in der Tasse wird kalt, die Zeit hält an. Aber auch Nonnen lesen (nicht so sexy) oder junge Mädchen in Efeu-Garten-Eckchen (sexy). Es lesen auch Frauen mit Kopftuch und solche in Badewannen, manche kuscheln sich an ihren Hund, andere lassen sich von ihrer Katze über die Schulter schauen. Manche Fotografie folgt romantischen Konzepten (wie das Titelbild), andere Arbeiten wirken moderner, nüchterner, haben aber dennoch poetischen Glanz: Eine junge Frau ist mitten im Waschsalon, zwischen ratternden Maschinen, in ihrem Buch versunken wie in einem Zeitloch. Man liest in der S-Bahn und in der Gartenschaukel, wandelnd in den historischen Mauerresten des Forum Romanum oder niedergelassen vor den sauberen Kacheln eines arabischen Badehauses. Man liest frei stehend an der Bushaltestelle oder wie in eine Wurstpelle gequetscht: Hängematten-Luxus. Man liest auf Fensterbänken an lauten Straßen oder in stillen Treppenhäusern, wenn die Wohnungstür zugefallen ist. „Das Buch widersteht leise und selbstverständlich der allgemeinen Geschwindigkeit...", lautet eines der vielen, den Fotografien zur Seite gestellten Zitate. Man müsste hier den Schriftsteller Peter Härtling noch präzisieren und sagen: Das Buch hebt die Zeit völlig auf, bringt sie scheinbar, für die Dauer des Lesens, zum Verschwinden. Am Ende glauben wir aber, unserer Lebenszeit noch die Lebenszeit anderer hinzuaddiert zu haben (das war Seneca aufgefallen) - Isolde Ohlbaum hat durch ihre einfühlsamen Fotografien uns ungefähr 77 Leben hinzugefügt...