Eine feine CD, wenn man sich mit dem stimmlichen Phänomen des Countertenors auseinandersetzen oder sich einen ersten Überblick verschaffen möchte. Hier ist ein gutes Dutzend der bekanntesten Sänger mit überwiegend barockem Repertoire vertreten: Beiträge vom "Gründervater des modernen Countertenorgesangs", Alfred Deller, über die mittlere Generation Bowman, Zaeppffel, Esswood bis hin zu Jochen Kowalski und Gérard Lesne.
Im Vergleich der Stimmen - alle gut, manche überragend - offenbaren sich die eklatanten Unterschiede im erstrebten klanglichen Ideal. Deller, dessen Aufnahmen auf dieser CD in die 50er Jahre datieren, macht deutlich, dass die traditionelle englische Countertenor-Schule, deren Interpreten oftmals tatsächlich Baritone waren, ein Singen im isolierten Falsettbereich bevorzugte. In Dellers direkter Nachfolge stehen Interpreten wie James Bowman, Paul Esswood oder Charles Brett und unterscheiden sich damit auffallend von einem heutigen, sich mehr und mehr durchsetzenden androgynen und mezzosopran-ähnlichen Stimmtypus mit ausgeprägterem Vibrato, der z.B. von der neuesten Generation amerikanischer Countertenöre (Brian Asawa, David Daniels oder Robert Crowe) gepflegt wird.
Nicht alle Sänger auf dieser CD sind "echte" Countertenöre. Vielmehr gibt es mit Gérard Lesne einen - wenn man diesen Unterschied gelten lassen will - französischen "Haute-contre" zu hören, der neben seiner exquisiten Höhe in vielen Passagen auch volumenreichere, tenorale Töne einbringt. In perfekter Verschmelzung von Kopf- und Bruststimme erscheint sein stimmlicher Umfang größer als der eines rein falsettierenden Countertenors und begeistert zudem mit einem höchst sinnlichen Klang. Lesnes unglaubliche Musikalität, seine Ornamentierungskunst und sein hinreißend schönes Timbre lassen "Soffri, mio caro Alcino" von Antonio Caldara (mit über 8 Minuten auch das längste Stück auf der CD) zu einem besonderen Höhepunkt werden.
Aris Christofellis fügt sich ebenfalls nicht nahtlos in die Countertenor-Parade ein, da er seine außergewöhnlichen stimmlichen Fähigkeiten dazu nutzt, sich über die Altlage hinaus in höchste Sopranhöhen zu schwingen. Er ist hier vertreten mit einem Solfeggio, einem textlosen Übungsstück, das der Komponist Nicola Porpora dereinst für den großen Kastraten Farinelli geschrieben hat. Christofellis führt hier seine Kehlkopfvirtuosität tadellos vor, kommt ihm das Fehlen eines zu singenden Textes doch sehr entgegen, da bei vielen seiner sonstigen Aufnahmen eine oft erhebliche Textunverständlichkeit den Genuss erheblich mindert.
Um genau zu sein: Es gibt auf der CD einen einzigen Beitrag, der dem Titel "Le Temps des Castrats" wirklich gerecht wird und der den Kauf dieser CD sicherlich für viele besonders interessant machen dürfte: Mit dem "Crucifixus" aus Rossinis "Petite Messe Solennelle" hört man ganz zum Schluss - unter Rauschen und Knacken - in einer Aufnahme von 1902 die Stimme des letzten echten Kastraten, der zu Ehren des Papstes in der Sixtinischen Kapelle gesungen hat, Alessandro Moreschi. Aber welch herbe Enttäuschung erlebt der Hörer, der den engelsgleichen Gesang eines Senesino oder eines Caffarelli erwartet! Auch wenn man Zugeständisse an das Alter der Einspielung macht, an die Nervosität, die (es ist überliefert) den Sänger am Aufnahmetag plagte - übrig bleibt eine recht kleine, oft unsicher intonierende Stimme, die nur noch einen traurigen Abglanz von der goldenen Ära der Kastraten vermittelt.
So ist die CD in manchen Teilen, wenn man so will, eine "Mogelpackung". Die darauf enthaltenen Ausschnitte aus Oratorien Händels (The Choice of Hercules, Saul, The Messiah) sind, wenn man von einer Ausnahme wie Guadagni absieht, auf der Bühne fast ausschließlich von Altistinnen bzw. Countertenören interpretiert worden. Kastraten in Händels Oratorien waren bereits eine rare Ausnahme. Johann Sebastian Bach hat mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit die Alt-Partien in seinen Werken (hier "Messe in h-moll" und "Weihnachtsoratorium") nicht für Kastraten geschrieben. Henry Purcell komponierte in "The Fairy Queen" und in seiner "Ode for Queen Mary" für Falsettisten, einer Tradition folgend, die in England älter war als das Kastratenwesen.
Über diese genannten Stücke hinaus gibt es bekannte Opernarien von Händel, Gluck und dem frühen Mozart - diese interpretiert von Jochen Kowalski zu seinen stimmlichen Glanzzeiten, sowie Ausschnitte aus Hasses "Cleofide" mit Derek Lee Ragin und Dominique Visse. Diese zuletzt genannte Oper (erschienen bei Capriccio) sei übrigens jedem wärmstens ans Herz gelegt, der einmal eine Gesamtaufnahme anhören möchte, in der sämtliche männlichen Rollen in der Originalstimmlage auch mit Männern besetzt sind. Ein Fest für Countertenor-Liebhaber, das neben Ragin und Visse auch den Altus David Cordier und den Sopranisten Randall K. Wong aufbietet!
Fazit: "Le Temps des Castrats" ist ein hübsches Appetithäppchen, das hinsichtlich der historischen Korrektheit der Auswahl seiner Stücke sicherlich nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Auf jeden Fall jedoch gibt es eine Menge zu hören, etwas zum Verlieben (Lesne), etwas zum Staunen (Christofellis), etwas zum Nachdenken (Moreschi). Und wer auf den Geschmack an den hohen Männerstimmen gekommen ist, der nutzt diese CD als Sprungbrett und beginnt zu forschen - nach schönen Gesamtaufnahmen beispielsweise ...