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Dabei verdienen Tiersens Einspielungen das Qualitätssiegel hundert Prozent handgemacht. Obwohl er könnte, verzichtet er im Studio auf digitale Instrumente. Stattdessen wird musiziert wie weiland in den 70er Jahren. Für einen kurzen Augenblick war die Fusion von Klassik und Rock damals en vogue, bevor sie von Punk und Disco hinweggefegt wurde. Auf "Les Retrouvailles" lässt Tiersen nun genau jene Epoche wieder aufleben - in einer Pianoballade, die den Morgentau einfängt, oder dem vergleichsweise experimentellen "A Ceux Qui Sont Malades Par Mer Calme". Vom Schlagzeug über Bass und Gitarre bis zu den Streichinstrumenten bedient der Autor hier eigenhändig alle Instrumente. Das tänzerische, von Akkordeon und Glockenspiel geprägte "La Veillée" wirkt natürlich hoffnungslos antiquiert - charmant ist es trotzdem. Als Glanzlicht entpuppt sich dafür das fragile "Plus D'Hiver" mit Chansonlegende Jane Birkin, welches allerdings ein bisschen an Beethovens Mondschein-Sonate erinnert.
Yann Tiersen liebt das Spiel von Bewegung und Stillstand. Während harmonisch und melodisch nicht viel passiert, leisten die Violinen Akkordarbeit beim Zerlegen der selben in Sechzehntel-Noten - nachzuhören in "La Boulange", einem fast schon dramatischen Präludium in Rock. Wer das mag, hört vermutlich gerne Bach, Debussy und Pink Floyd. Der klassische Ansatz verbindet den Franzosen zudem mit einer recht bekannten Gruppe aus Portugal. Sollte eines Tages Teresa Salgueiro von Madredeus als Gastsängerin auf einer seiner Platten auftauchen, so würde uns das keineswegs wundern.
-- Wolfgang Zwack
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Tiersens Anfänge im vorangegangenen Jahrtausend, von "La Valse des monstres" bis "Le Phare", waren eingängig, die Rhythmen klar, die Melodien wunderschön und die Instrumentierungen hin und wieder recht ungewöhnlich. Mit "L'Absente" wagte er sich auf ein Terrain, das in Teilen allzu leicht mit einem verschrobenen Pop-musikalischen Versuch verwechselt werden konnte. Und in der Tat mag man auch beim Anhören des neuesten Albums "Les Retrouvailles", das vier Jahre nach "L'Absente" Ende Juni in Deutschland erscheint, verleitet sein, ob der stellenweise wiederum ungewohnten Stücke skeptisch dreinzublicken. Hat Tiersen seinen Zenit schon überschritten und weiß sich nur noch in verbogenen Pop-Zitaten seiner eigenen Kreativität auszudrücken?
Das Gegenteil ist der Fall. Aus vermeintlich unverständlich dissonanten und konventionellen, seltsam distant anmutenden Stücken schälen sich Werke, bei denen die Liebe zum Detail den Sieg über die Einfaltigkeit schon längst errungen hat. Die Musik ist emotional, aber Tiersen bleibt selten an ein und derselben Stelle - selbst, wenn er nicht müde wird, auch diesmal wieder das Akkordeon zu bedienen. Man möchte fast vermuten, dass sich die Instrumente selbst spielen, als hätten sie nie anders gespielt werden wollen.
Zu der, in der Tradition von "L'Absente" stehenden, nachdenklichen Stimmung des neuen Albums gesellt sich die Entdeckung weiterer Facetten von Tiersens Musik: Bei dem herzerweichend gesungenen "Mary" darf die ein oder andere Träne geweint werden, und Tiersen schließt das Eintauchen in seine ganz eigene musikalische Welt gänzlich ungewohnt mit einem trotzigen Cembalo-Solo ab. Doch hier, wie so oft, gerät man darüber ins Staunen, wie frisch und unverbraucht die Musik noch immer - und mehr denn je - ist. Nach L'Absente, mit Blick auf die lückenlos wundervolle Entwicklung Tiersens, hatte ich befürchtet, eine solche Originalität könne nicht ewig durchgehalten werden - ich wurde Lügen gestraft.
Die der Limited Edition beigefügte DVD, darauf befindlich der Film "La Traversée", gewährt einen Einblick in den musikalischen Entstehungsprozess von "Les Retrouvailles" - eine Mischung aus Making of und dedizierter Vorführung der CD-Stücke. Ob der Film die Erfahrung des Albums bereichert, sei jedem selbst überlassen, ihn anzuschauen lohnt sich aber allein schon, weil man so in Genuss fünf weiterer kleiner Werke kommt.
Der Opener "Western" setzt erstmal schräge, leicht avangardistische Akzente, die durch handwerkliches Können faszinieren, eine anregende Wirkung haben und die nötige Aufmerksamkeit einfordern. Und schon folgt das verführerische "Kala", gesungen von Elisabeth Frazer, um einen so richig in das Gesamtwerk der CD hineinzuziehen. Spätestens beim euphorisch stimmenden "Le Veillée" mit seinem schwungvollen Streichereinsatz, kommt man garantiert nicht mehr auf den Gedanken, die Auswurf-Taste des CD-Players in Erwägung zu ziehen.
Tiersens Ausflüge in die klassische Musik, erinnern tatsächlich an die alten Meister des Barock, schaffen kurze vergleichbare Momente der Glückseligkeit, widersetzen sich aber angestaubter Tradition mit recht moderner Dynamik wie z.B. in "La Boulange". Daneben setzt Yann Tiersen auf fränzösische Impressionen in Form fröhlicher Strassenmusik, die an eine gewisse Amélie Poulain erinnern, sensible Klavierstücke und Chansons die mal moderner ("Kala","Secret Place") und mal traditionell dramatisch ("Plus d'Hiver" - Jane Birkin:Wow!) klingen.
Ich weiss jetzt nicht, wie dieses Werk auf Leute wirkt, die schon mehrere Alben Tiersens kennen und Vergleiche anstellen mögen. Für mich ist dieses Album jedenfalls ein unvergleichliches Erlebnis und so bekommt es auch einen der raren Sonderplätze in meiner CD-Sammlung.
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