LES MISERABLES ist zweifellos eines der besten und bewegendsten Musicals, die es je gab. Und nun, zum 25. Bühnenjubiläum dieses monumentalen Stücks nach dem Roman von Victor Hugo, haben sich die werten Herren Autoren sowie Produzent Cameron Mackintosh in der o2-Arena ein Spektakel der Extraklasse einfallen lassen, eine gigantische konzertante Aufführung mit unzähligen Beteiligten. Und zur Freude aller Fans wurde dieses Event in bester Bild und Tonqualität nun auf Blu-ray gebrannt, damit man sich auch daheim verzaubern lassen kann. Die Besetzung dieses einmaligen Abends muss sich wohl leider immer mit der unübertrefflichen Dream Cast des 10th Anniversary Concerts messen - schauen wir doch mal, wie sie sich schlagen.
Alfie Boe haucht der Rolle des Jean Valjean frischen Wind ein. Diese Rolle wird so gut wie immer mit dem Original-Valjean Colm Wilkinson assoziiert, und tatsächlich fällt es anfangs schwer, sich an Boe's doch sehr klassisch-opernhaften stimmlichen Ansatz zu gewöhnen, doch wird es sehr schnell klar, dass er der Rolle einiges abzugewinnen vermag, und mit seiner Präsenz auf ganzer Linie überzeugen kann.
Als Fantine ist Lea Salonga zu sehen, die schon bei dem Konzert 15 Jahre zuvor, allerdings als Eponine, mit von der Partie war. Sie strahlt nicht soviel Wärme und Sanftheit mit ihrer Stimme aus, wie Ruthie Henshall es vermochte, legt aber die nötige Portion Verzweiflung in ihre Performance. Sie bringt einiges an Talent sowie Bühnenerfahrung mit und war somit eine absolut nachvollziehbare Wahl.
Norm Lewis verkörpert abermals den unnachgiebigen Inspektor Javert. Philipp Quast hat sich diese Rolle so zu Eigen gemacht, dass ihm wohl keiner mehr darin das Wasser reichen kann. Norm Lewis' Spiel ist weniger facettenreich, aber seine Stimme besitzt enorme Präzision. Er gibt der Rolle die nötige Mischung aus eiserner Härte und melancholischer Nachdenklichkeit.
Jenny Galloway übernimmt abermals die Rolle der Madame Thenardier, und in der Tat scheinen die letzten 15 Jahre fast spurlos an ihr vorbeigegangen zu sein. Immer noch ist sie in gleichem Maße furchteinflößend wie auch brüllend komisch.
Eine positive Überraschung ist Lucas Black, bekannt aus der britischen Comedy-Serie LITTLE BRITAIN, als Thenardier. Sein komisches Talent passt hier wie die Faust aufs Auge für die schmierig-zwielichtige Figur, doch tatsächlich erfüllt er auch stimmlich sämtliche Anforderungen und avanciert schnell zum Publikumsliebling.
Katie Hall ist eine zufriedenstellende Cosette. Judy Kuhn gefiel mir damals besser, jedoch gibt diese Rolle nur bei wirklich wahnsinnig guten
Schauspielerinnen etwas her, und Katie macht das Beste was sie kann aus dem ihr gegebenen Material.
Samantha Barks als Eponine ist umwerfend gut. Ich verehre Miss Salonga und fand ihre Darbietung als Eponine 15 Jahre früher stimmlich großartig, aber sie war doch etwas zu glatt und süß für das gebeutelte, elende Straßenmädchen. Samantha hat mit ihrer Stimme eine vielversprechende Zukunft vor sich, gibt aber auch in ihrem Spiel Eponine die nötigen Ecken und Kanten und steckt eine Menge Gefühl in ihre Songs.
Ramin Karimloo ist eine Offenbarung als Enjolras. Die Power und den wilden, jugendlichen Charme, den er in jeder Sekunde auf der Bühne versprüht, machen ihn zu einem der Top-Enjolras überhaupt. Großartig!
Ebenfalls positiv hervorzuheben sind Mia Jenkins und Robert Madge als Junge Cosette und Gavroche. Besonders letzterer steckt seinen Vorgänger von vor 15 Jahren locker in die Tasche.
Unterstützt wird die Darstellerriege von einem gigantischen Chor und Orchester, die auf einer Empore aus Schutt hinter dem Geschehen wirken. Verwendet wurden die aktuellen, überarbeiteten musikalischen Arrangements. Ein paar kleine Verzierungen aus der alten Partitur vermisse ich hier (konkretes Beispiel: die "flatternden Streicher" bei der Zeile "The world I have known is lost in shadow..." bei JAVERT's SOLILOQUY), alles in allem wurde hier jedoch sehr solide Arbeit geleistet. Neue, stimmigere Akzente wurden geschaffen, das Ganze klingt viel weniger elektronisch (sehr gelungenes Beispiel: DOG EATS DOG), und die schiere Größe des Orchesters legen den Schluss nahe, dass man diese wundervolle Musik noch niemals besser hat zu hören bekommen.
Die Inszenierung beschränkt sich (wenn dies Mal auch schon etwas mehr Plot umgesetzt wurde als beim letzten Konzert) auch hier auf ein Minimum. Mit Holzbrettern bestückte, herabsenkbare Scheinwerferleisten als Barrikade, ein paar Requisiten hier und da, ein (zugegebenermaßen äußerst raffiniertes) Lichtdesign und stimmige Projektionen auf der hinteren Leinwand sowie die passenden Kostüme, aber damit hat sich's - die Darsteller stehen immer noch vorne an den Mikros für ihre Parts, und für Neulinge könnte es somit stellenweise schwer werden, der komplexen Handlung zu folgen. Dabei helfen jedoch die optionalen englischen oder deutschen Untertitel (bei letzteren handelt es sich nicht um eine wörtliche Übertragung, sondern die Originaltexte der deutschsprachigen Produktion). Dies lässt sich jedoch alles verzeihen, schließlich ist nicht zu vergessen dass es sich hier um eine konzertante Aufführung handelt, die vorrangig an die Fans gerichtet ist.
Nun, perfekt ist das ganze dann doch nicht. Ein paar Kleinigkeiten zu bemängeln gibt es, deswegen auch ein Stern Abzug: Zunächst fehlen leider Extras - es gibt nur einen Trailer, der in wenigen Minuten die Geschichte des Stücks skizziert. Hier hätte es ruhig noch etwas mehr werden dürfen. Auch hat es mich sehr gewurmt, dass Gavroche's Sterbeszene rausgeschnitten wurde. Sicher, es ist eine der härtesten und deprimierendsten Stellen, den armen Jungen sterben zu sehen, jedoch gibt gerade dies den Studenten den Antrieb für den letzten, leidenschaftlich aufflammenden Widerstand. Ohne die Szene verliert der Moment etwas an Prägnanz. Zuletzt kann er natürlich nicht unerwähnt bleiben: Nick Jonas als Marius. Ich habe wirklich versucht, vorurteilsfrei an seine Darbietung heranzugehen, und ständig gehofft, dass er mich noch einmal positiv überrascht, aber Fehlanzeige. Es wird schnell klar, dass er auf dieser Bühne fehl am Platze ist. Dafür sind aber eher die Verantwortlichen zu verurteilen, die bei Besetzung dieser Rolle wohl ein wenig zu sehr an Publicity gedacht haben.
Aber auch kleine Wehrmutstropfen trüben den Gesamteindruck kaum. Besonders zu Tränen rührt das Finale zum Schlussapplaus, das noch mit der ein oder anderen Überraschung aufwartet, sowie eine doch überaus erfreuliche Mitteilung zu Beginn des Abspanns, aber hier möchte ich dann doch jeweils nicht zu viel verraten. Denn für jeden Fan ist das vorliegende Produkt sowieso ein absolutes MUSS, und für alle, die es werden wollen, ist dies hier definitiv die Stelle an der sie anfangen können.
LES MISERABLES lässt sich nicht wirklich in Worte fassen. Es ist etwas Magisches, zutiefst menschlich und ergreifendes, dass es mit dem Zuschauer anstellt - und mit dieser Blu-Ray springt der Funke definitiv über! ****