Es hat mit seinen 355 Minuten schon recht epische Züge, was Drehbuchautor Didier Decoin aus dem gewaltigen Werk des Romanciers Victor Hugo gemacht hat. Wer einmal das Buch in den Händen gehalten hat, der mag erahnen, weshalb sich die Minutenzahl des Films offenbar proportional zum Umfang des Romans verhält, denn es gibt nur wenige Ausgaben von "Die Elenden", welche mit einer Seitenzahl unter 1.500 auskommen.
Bei Klassikern der Hochliteratur werden die Erwartungen leider allzu häufig enttäuscht. Da sprudelt die Phantasie beim Lesen, die Imagination geht auf Reisen und lässt in buntesten Farben, Formen und Bildern eine Geschichte Wirklichkeit werden. Und dann im Film erweist sich das Ganze als auf eine stupide Dramaturgie zusammengekürztes Spielfilmchen, gespickt mit Stars und Sternchen, die man sich so nun wahrlich nicht vorgestellt hatte. Es geht auch anders, wie uns dieser französische Mehrteiler, der erstmals Anfang 2001 im Deutschen Fernsehn lief, beweist.
Hier stimmt definitiv alles - von A bis Z. Mir sind nie maßgebliche oder auch nur kleinere Kritikpunkte aufgefallen, denn der Streifen bietet trotz seiner langen Dauer sehr viel Kurzweiligkeit, die jedoch immer ausgesprochen ästhetisch gestaltet ist. Die Atmosphäre, die Kostüme, alles hat einen unglaublich opulenten Reiz. Auch die schauspielerischen Leistungen des Ensembles überzeugen auf der ganzen Linie. Jean Valjean (Gerard Depardieu) und sein Antagonist Javert (John Malkovich) geben ein perfektes Duo ab, das von nicht minder überzeugenden Nebenfiguren umrahmt ist. Insbesondere Virginie Ledoyen als Cosette ist hier hervorzuheben; aber auch Christian Clavier, Veronica Ferres und die vielen unbekannte, aber hochbegabte Giovanna Mezzogiorno wissen zu überzeugen.
Freilich ist dieser prachtvolle, abendfüllende Film nichts für Filmfreunde schneller Unterhaltung. Der Film spannt einen breiten Bogen und erzählt beharrlich, aber nie betulich eine ganz große Geschichte. Liebhaber von Literaturverfilmungen oder Kostümfilmen sollten sich unbedingt angesprochen fühlen. Wer offen ist für epische Sinnlichkeit und Zeit mitbringt, mit den Figuren zu atmen, der wird belohnt werden. Da die DVD insgesamt auch sehr gut ausgestattet ist, gibt es nicht nur fünf Sterne, sondern auch die dringende Empfehlung, sich DIESE Version von Victor Hugos "Les Miserables" zuzulegen.