André Cluytens zweite Aufnahme von Hoffmanns Erzählungen von 1964 weist ein großes Starensemble auf und verspricht damit sehr viel - ohne das ganz halten zu können:
Das liegt zum einen an der eingespielten Fassung der Oper - lange vor den neueren Notenfunden der letzten 30 Jahre wird hier die früher übliche Mischfassung gespielt - mit zahlreichen Anleihen aus anderen Werken, um verloren gegangenes Material zu ersetzen. Der Nicklausse, eigentlich die verkleidete Muse und im Original die endgültige Frau an der Seite des Hauptdarstellers, wird hier von einem Tenor verkörpert und verliert die meisten Soli, Vor- und Nachspiel sind stark verstümmelt, der Giulietta-Akt hat nur vage Ähnlichkeit mit dem, was die moderne Forschung ans Licht gefördert hat und steht an der falschen Stelle - als zweite, nicht als dritte Episode, was die Entwicklung des Hoffmann vom jugendlichen Schwärmer zum desillusionierten Zyniker widerspricht. Und so ist die Aufnahme eigentlich ein Torso.
Der Dirigent Cluytens schlägt aus der Musik auch nicht die Funken, die man etwa bei
Jeffrey Tate oder
Kent Nagano hören kann. Im Vergleich sind seine Tempi reichlich behäbig.
Die Sänger waren von vornherein als reine Superstar-Besetzung geplant, was nur zum Teil aufgeht:
Nicolai Gedda ist auf jeden Fall ein exaltierter, lyrischer Hoffmann, der besonders in den jugendlich-schwärmerischen Momenten der Rolle überzeugt, ohne mitzureißen wir etwa Francisco Araiza oder Roberto Alagna in neueren Aufnahmen in moderneren Fassungen.
Die drei Frauenrollen (die Stella ist hier die traditionelle stumme Rolle) sollten eigentlich mit den drei größten weiblichen Stars der EMI besetzt werden: Victoria de los Angeles, Elisabeth Schwarzkopf und Maria Callas - letztere sagte ab und wurde durch Gianna d'Angelo ersetzt, die für die Puppe Olympia sicher die bessere Wahl war als Callas, die 1964 schon reichlich angegriffen klang. D'Angelo singt auf jeden Fall entzückend, wenn auch nicht wirklich mechanisch. Schwarzkopf ist eine sehr hektische, exaltierte, im Timbre fast keusche, nicht wirklich erotische Giulietta. De los Angeles' Antonia dagegen erfüllt die Erwartungen voll - eine hinreißende, jugendlich zerbrechliche Person mit dem nötigen doppelten Boden. Ihr hätte ich auch die beiden anderen Rollen zugetraut.
Dass hier auch die Nebenbuhler mit drei verschiedenen Sängern besetzt sind - George London (2 Rollen), Nicola Ghiuselev und Ernest Blanc - ist bedauerlich: London und Blanc klingen dazu so elegant, so brav, dass man ihnen den Bösewicht kaum abnimmt. Ausgerechnet der Lindorf wird von Ghiuselev wirklich dämonisch verkörpert. Schade, dass er nicht alle vier Rollen singen darf. Und so wird die Rolle des Gegenspielers als ständig wiederkehrende Nemesis des Hoffmann einfach nicht wirklich klar.
Der Haupteinwand betrifft dann aber den Nicklausse von Jean-Christophe Benoit - ein Spieltenor mit nicht wirklich jugendlichem Timbre - von der Muse ist wirklich nicht viel übrig geblieben.
Die Nebenrollen sind gut und prominent besetzt. Insgesamt hören wir hier also eine stark in die Jahre gekommene Aufnahme mit großen Momenten.