In ihrem Buch geben die beiden Autoren auf knapp 250 Seiten einen Überblick über den aktuellen Stand der Intelligenz- und Begabungsforschung. Themen sind u. a. die Intelligenz und ihre Ursprünge, die Entwicklung der Intelligenz über das ganze Leben hinweg, ob es eine oder multiple Intelligenzen gibt, wie man sie misst, welche Ursachen Intelligenz- und Begabungsunterschiede besitzen, ob es Gruppen-, Geschlecht- oder Rassenunterschiede bei der Intelligenz gibt, den Einfluss des Lernens auf die Intelligenz etc.
Den Titel halte ich für ungünstig gewählt bzw. zu sehr am Zeitgeist bzw. der Auflage orientiert. Tatsächlich stellen die beiden Autoren dar, dass Intelligenz eine ganz erhebliche erbliche Komponente besitzt. Sie gehen davon aus, dass Intelligenzunterschiede im Mittel zu 50% auf Gene zurückzuführen sind. Dies gilt vor allem für die allgemeine Intelligenz (143): "Am stärksten genetisch bedingt scheinen allerdings nicht die einzelnen Teilfaktoren der Intelligenz zu sein, sondern der Generalfaktor oder g-Faktor, also die allgemeine Intelligenz im Sinne Spearmans (...). Die oben angeführten Schätzungen von 50% bis 70 oder sogar 80% genetischer Bedingtheit im höheren Alter gelten für diesen Generalfaktor, während die Teilfähigkeiten im Allgemeinen deutlich niedrigere genetische Einflüsse aufweisen (30 bis 50 %)." Einen wesentlichen Einflussfaktor sehen sie in der grauen und weißen Gehirnsubstanz, "die hochgradig erblich bedingt sind (Schätzungen gehen von 80 bis 90%) genetischem Einfluss aus)" (143). Sie schließen daraus (144): "Vermutlich gibt es eine stark genetisch definierte Gehirnhardware als Basis, und auf dieser 'spielt die Umwelt' wie auf einem Klavier und lässt Netzwerke entstehen, die topografisch regional stärker synaptisch und dendritisch verzweigt sind, sodass sie gleichsam eine bessere 'Feinabstimmung' aufweisen und daher leistungsfähiger sind."
Allerdings stellen sie dar, dass Intelligenz und Begabungen gezielt gefördert werden können. Ferner, dass die Motivation ganz entscheidend ist. Aus diesem Grund könnte eine lernmotivierte Schülerin höhere Kompetenzen erlangen als eine genetisch begabtere Schülerin, die jedoch eher faul ist. Entsprechend heißt es bereits auf dem Klappentext: "Begabung ist wichtig, aber ein Weniger an Begabung kann durch ein Mehr an Lernen kompensiert werden, so die These der Kognitionspsychologen Aljoscha Neubauer und Elsbeth Stern."
Überrascht Sie das? Mich nicht. Ich würde stets erwarten, dass ein weniger begabter aber täglich 10 km trainierender Marathonläufer einen genetisch begabteren Läufer, der statt zu trainieren Bier trinkend auf dem Sofa herumlümmelt, schlagen kann, oder? Der Titel des Buches hätte deshalb auch lauten können: "Hanteltraining macht stark".
Ein weniger begabter Schüler kann also einen begabteren Schüler überholen, wenn er nur fleißig lernt, das ist die frohe Botschaft der beiden Autoren. Ich möchte noch hinzufügen: Allerdings nur dann, wenn der begabtere Schüler weniger motiviert ist. Unter dem Paradigma des lebenslangen Lernens würde hierbei eine klassische Red-Queen-Problematik entstehen: "Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst."
Zu wenig Beachtung findet im Buch einmal mehr die Evolutionsproblematik (wenn die genetisch Intelligentesten die wenigsten Kinder bekommen, dann hat das zur Folge ...). Diese Aufgabe hat man lieber Schlechtmenschen wie Sarrazin überlassen.
Was hatte Frau Stern noch einmal an den Thesen Thilo Sarrazins auszusetzen?