Dieser vom SWR-Wissenschaftsredakteur Ralph Caspary herausgegebene Band soll, so der Vorspann, Antworten auf die Frage versammeln, was die Hirnforschung zur Pädagogik beitragen kann. Zwischen den Zeilen lese ich die Antwort heraus, dass gute Pädagogik vieles schon vorher wusste. Die Hirnforschung ist im Augenblick gerade so weit begründen zu können, warum dies und jenes "gut" ist.
Mit diesem Band liegt eine Zusammenstellung von Aufsätzen vor, die namhafte Experten aus Neurobiologie, Psychiatrie, Psychologie, Kognitionswissenschaften, Bildungsforschung, Pädagogik und Unterrichtsentwicklung bereits an anderer Stelle unabhängig voneinander veröffentlicht haben. Deshalb kommt es zu Wiederholungen oder zu Widersprüchlichem - es ist nicht aus einem Guss.
Manches ist in sich nicht stimmig. So erklärt Manfred Spitzer im zweiten Beitrag im Buch, dass wir am besten an Beispielen lernen und nicht an Regeln, da die Großhirnrinde als "Regelextraktionsmaschine" arbeitet. Aber gleich im ersten Beitrag zieht Ralph Schumacher die vorgeschlagene Didaktik vom Schwanz her auf und bringt erst die Regel (Theorie), dann das Beispiel. Immerhin beweist dieser recht trockene Einstieg, bei dem wohl die meisten Schüler einschlafen würden, auf listige Weise, dass Manfred Spitzer richtig liegt.
Anderes finde ich schlicht nicht akzeptabel. Wenn der Oberstudiendirektor Josef Kraus den Neurobiologen Wolf Singer kritisiert, der auf Grund verschiedener Studien zur Auffassung kommt, der Mensch hätte, im Grunde, keinen eigenen Willen. Darüber kann man streiten. Aber dieser - wissenschaftlich belegten - Argumentationskette ein "Ich setzte dagegen" ohne nähere Begründung entgegenzuschleudern scheint mir eher ideologisch gefärbt. Es erinnert mich an meinen Oberstudiendirektor, der in einer Veranstaltung dem renommierten Vortragenden ein "Ich habe meinen Doktor mit summa cum laude gemacht" entgegnete. Dieser entgegnete übrigens ganz trocken mit "Ich auch".
Frage ist, was wir aus dem Buch mitnehmen. Um die geschilderten Ergebnisse der Hirnforschung wirklich zu verstehen, sind die Beiträge zu knapp. Da würde ich die Originalbücher beispielsweise der Autoren M. Spitzer, J. Bauer oder G. Roth lesen. Die Literaturangaben zeigen Neueinsteigern, was sie an Lesenswertem bislang versäumt haben.
Einige generelle Leitgedanken, wie und wo sich neurologische Forschungsergebnisse praktisch umsetzen lassen, führt immerhin der Beitrag des Praktikers Heinz Schirp auf. Für eine "bodenständige Pädagogik" spricht sich Josef Kraus aus; aber den habe ich ja schon erwähnt. Wer wissen möchte, wie man das, was man aus der Hirnforschung in Verbindung mit Erfahrungen aus der Pädagogik praktisch umsetzen könnte, empfehle ich Peter Struck "Die 15 Gebote des Lernens".
Einige Anregungen kann man aus dem Band mitnehmen, insbesondere, sich mehr mit dem Thema zu befassen. Insgesamt gesehen ist's nicht Fisch, nicht Fleisch - nicht Ratgeber, nicht Einstieg in die Hirn- oder Lernforschung.