Eine der wesentlichsten Grundannahmen politischer Bildungsarbeit ist, dass Bildung dabei hilft, gegen rechtsextremistisches Gedankengut und Handeln vor allem bei jungen Menschen vorzubeugen. Das vorliegende Lern- und Arbeitsbuch 'Gegen Rechtsextremismus. Handeln für Demokratie' reiht sich ein in eine zwischenzeitlich ansehnliche Auswahl von Handbüchern, methodischen Handreichungen und Programmen. Und, um es vorweg zu nehmen, es handelt sich in diesem Falle um ein wertvolles, anregendes und ertragreiches Kompendium aktueller Handlungsansätze im Themenfeld. Die Herausgeber und Autoren des umfangreichen Bandes möchten vielfältige Anstöße geben für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus und gleichzeitig einladen zum Handeln für mehr Demokratie in unserer Gesellschaft.
So finden sich in einem einleitenden Teil unterschiedliche Informationen zu Inhalten und Erscheinungsformen des Rechtsextremismus. Aufklärung, Information und sachgerechter Umgang mit dem Thema sind dabei die Absichten. Daran schließt sich ein ebenfalls eher informatives Kapitel zu grundsätzlichen Aspekten von Demokratie und Gesellschaft an. Schon in diesen Teilen, die insgesamt etwa ein Drittel der gesamten Publikation ausmachen, zeigt sich die größte Stärke: Es handelt sich nicht nur um ein Lern-, sondern vor allem um ein Arbeitsbuch.
Schule, Kommune, außerschulische Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft sind Lern- und Arbeitsfelder, die in eigenen Kapitel entfaltet und zu denen modellartig Anregungen für die thematische Auseinandersetzung gegeben werden. Für den Bereich der Schule (Kapitel IV) werden sechs exemplarische Themen vorgestellt. Die Bandbreite reicht dabei von Dimensionen des schulischen Umgangs mit Rechtsextremismus über Projekttage, Klassenrat, Argumentationstrainings bis hin zu einem Gleichwertigkeitsaudit. Was den Modellen gemeinsam ist: Sie bieten Anregungen für kurz- und mittelfristige Auseinandersetzung mit dem Thema. Im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus schwanken Schulen zu oft noch zwischen Verharmlosung, Vertuschung und moralisierender Aufregung. An dieser Stelle bedarf es natürlich auch solcher Anregungen, wie sie in dem vorliegenden Band enthalten sind. Was jedoch auch hier fehlt, ist gerade für die Schule ein Ansatz, der eine langfristige und konzeptionell in Schulprogrammen verankerte Strategie zur pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus in den Mittelpunkt stellt. Allein mit gut gemeinten kurzzeitpädagogischen Projekten und Maßnahmen ist der Verbreitung von rechtsextremistischem Gedankengut und fremdenfeindlichem Verhalten (nicht nur) unter Jugendlichen nicht dauerhaft und nachhaltig zu begegnen.
Für den Bereich der außerschulischen Bildung (Kapitel VI) werden Anregungen für drei Felder gegeben: Offene Jugendarbeit, Jugendkultur und Theaterpädagogik. Damit wirkt die Auswahl etwas beliebig und wenig grundsätzlich bearbeitet. Wichtige Aspekte der außerschulischen Jugend(bildungs)arbeit fehlen in dem Handbuch. Bereiche wie Interkulturelles Lernen, Demokratie- und Toleranzerziehung oder Politische Bildung im engeren Sinne sind aber unverzichtbare Gegenstände eines Lernfeldes für mehr Demokratie in unserer Gesellschaft und verdienen Berücksichtigung in einem Buch, dass einen Anspruch, den der Titel suggeriert, vertritt.
Anregend im Sinne von weiterführend für Bildungpraktiker sind dagegen die beiden Teile des Buches zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus in der Kommune (Kapitel V) und der Zivilgesellschaft (Kapitel VII). Hier wird eine Lücke in der einschlägigen Fachliteratur geschlossen. Dort finden sich eine Vielzahl von inhaltlichen und methodischen Anregungen, die wiederum natürlich aber auch in den Lernfeldern Schule und Jugendarbeit genutzt werden können. Mit diesen Bausteinen soll und kann der Blick vor allem über den schulischen Rahmen hinaus geweitet werden, um die Verantwortung auch von jungen Menschen für die Entwicklung der demokratischen Gesellschaft zu wecken bzw. zu stärken.
Das Lern- und Arbeitsbuch versammelt insgesamt 31, sehr unterschiedliche Bausteine, die aus verschiedenen Blickwinkeln das Thema beleuchten und vielfach ausdrücklich zum Nachahmen gedacht sind. Alle inhaltlichen Bausteine folgen einem ähnlichen Aufbau: In einer knappen überblicksartigen Zusammenfassung werden die zentralen Inhalte des jeweiligen Themas dargestellt. Es folgen, in den meisten Fällen ausreichende, Basisinformationen, die Lehrkräften und Pädagogen in der außerschulischen Bildungsarbeit die wichtigsten Sachinhalte zur Verfügung stellen. Der wesentlichste Abschnitt beinhaltet jeweils einen Vorschlag, wie das Thema unterrichts- oder seminarpraktisch umgesetzt werden kann. Den Praxiseinsatz unterstütze eine zunächst sehr umfangreich und detailliert erscheinende CD-ROM.
Die Beiträge des Bandes sind von vielen verschiedenen Autoren verfasst und redaktionell lediglich formal vereinheitlicht. Das macht das Arbeitsbuch auf der einen Seite lebendig und vielfältig, auf der anderen Seite wirkt es aber insgesamt auch wenig struktiert. Vor allem in der grafischen Gestaltung fällt der Band gegenüber vergleichbaren Publikationen sehr ab, es fehlen Übersichtlichkeit und Klarheit, um aus den vielfältigen Beschreibungen schnell die für den geplanten konkreten Einsatz Geeignetsten zu finden. Leider bleibt auch die CD-ROM hinter den Erwartungen zurück. Zu manchen der Bausteine werden umfangreiches Material zur methodischen Umsetzung und Hinweise zur inhaltlichen Vertiefung geliefert. Andere Bausteine enthalten jdoch lediglich Literaturlisten und weiterführende Links für die Internetrecherche (was wiederum vorausetzt, dass alle Nutzer immer die Möglichkeit haben, online zu arbeitenm aber durchaus noch nicht überall selbstverständlich ist). Die Gestaltung des Praxismaterials ist sehr heterogen und wenig einfallsreich und macht deswegen nur wenig Lust auf Nutzung.
Insgesamt ein sicher hilfreiches Handbuch für geübte Pädagogen. Leider kommt es etwas trocken und fast langweilig daher. Die kritischen Anmerkungen sollen jedoch den Wert der Publikation insgesamt nicht kleinreden. Wer sich im Feld orientieren möchte, findet zum Teil wichtige Anregungen, wer das Thema mit Jugendlichen aufgreifen will, dem wird mit zum Teil sehr detaillierten Beschreibungen von Seminar- oder Unterrichtseinheiten geholfen. Aber eben nur zum Teil. Und das ist schade. Etwas mehr längerer Atem wäre der durchaus wertvollen Publikation zu wünschen gewesen.