LEONCE UND LENA
Lustspiel von Georg Büchner, erschienen 1838; Uraufführung: München, 31. 5. 1895, Intimes Theater. - Das Stück entstand für eine Anfang 1836 angezeigte »Preisaufgabe«, in der die Cotta'sche Buchhandlung 300 Gulden für das beste Lustspiel ausgesetzt hatte. Büchners Manuskript traf jedoch zu spät ein, und er erhielt die Sendung ungeöffnet zurück. Ob der Autor den Text noch weiter bearbeitete, ist nicht eindeutig zu klären. Das Originalmanuskript ging verloren, Karl Gutzkow, der 1838 das Stück als Teildruck im »Telegraph für Deutschland« veröffentlichte, lag eine verschollene Abschrift des Originals aus der Hand Wilhelmine Jaeglés vor. In den Nachgelassenen Schriften gab Ludwig Büchner 1850 eine von ihm redigierte Fassung heraus, die wahrscheinlich auf das verschollene Originalmanuskript des Autors zurückgeht. Neben diesen Ausgaben haben sich drei Entwurfsbruchstücke Büchners erhalten, namentlich ein umfangreicheres der ersten Szene. Somit ist die Komödie nur als ein von zwei Herausgebern unabhängig voneinander gefilterter Text überliefert, der in vielleicht geringem, aber nicht mehr genau erschließbarem Maß vom Original abweichen dürfte.
Das Stück präsentiert sich als kunstvolles Kaleidoskop literarischer Anspielungen und Zitate; bereits Gutzkow fühlte sich an C. Brentanos Ponce de Leon erinnert, stärker hat wohl Shakespeares As you like it (Wie es Euch gefällt) auf die Handlungsstruktur eingewirkt, daneben sind Einflüsse aus Werken von A. v. Chamisso, V. Alfieri, A. de Musset, Th. Gautier und L. Tieck erkennbar.
Der Handlungsgang des Stückes parodiert das gängige Schema der Komödie. Leonce, Prinz des Reiches »Popo«, und Lena, Prinzessin des Reiches »Pipi«, sind einander verlobt, ohne sich zu kennen. Unabhängig voneinander beschließen sie, vor der Hochzeit zu fliehen. Im zweiten Akt treffen und verlieben sie sich, im dritten Akt lassen sie sich am Hofe Popo verheiraten, um sich erst danach als Prinz und Prinzessin zu erkennen. Büchner bemüht sich nicht, das Geschehen aus der Psychologie seiner Figuren zu entwickeln, wie auch die Handlung nicht den herkömmlichen Gesetzen des dramatischen Aufbaus folgt; spannungserzeugende Irrungen und Wirrungen fehlen oder werden ironisch zitiert, auch die Tatsache, daß am Ende der Zuschauer vor den Figuren um deren jeweilige Identität weiß, bleibt ohne dramaturgische Konsequenz, da das Stück insgesamt jedweder Einfühlung des Zuschauers in die Akteure entgegenarbeitet. Die einzelnen Momente der Handlung - der Entschluß zur Flucht, die Begegnung der Flüchtenden und die Entscheidung, sich zu verheiraten - werden nicht entwickelt, sondern setzen abrupt ein. Leonce verkündet spontan seine Absicht, nach Italien zu gehen und dort als »Lazzaroni«, als Faulpelz, zu leben, Lena läßt sich von der plötzlichen Idee ihrer Gouvernante leiten, den Hof zu verlassen. Lenas erster Satz ist Anlaß für Leonce, sich in sie zu verlieben, und auch die Ehe wird ad hoc geschlossen. Der Gang der Handlung ist determiniert, und konsequenterweise erscheinen die Titelhelden auf den Hochzeitsfeierlichkeiten als »Marionetten«, als Automaten: »Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern!«
Dem Stück, lange Zeit als »Rückfall in die bloße Literaturkomödie der Romantik« (F. Gundolf) oder als »romantisch-ironisches Zwischenspiel« (H. Mayer) mißdeutet, ist eine satirisch-subversive Tendenz zu eigen, die neben der Ästhetik der Romantik und der idealistischen Philosophie vor allem auf den Spätabsolutismus des 19. Jh.s zielt; die Form der Komödie ermöglicht dem Autor unter den Augen der Zensur eine verdeckte »Fortführung des Krieges zwischen den >leeren und den vergoldeten Bäuchen<« (H. Plard). Für Prinz Leonce besitzt das Leben keinen Sinn, »Langeweile« grassiert und jede menschliche Tätigkeitsform gerät ihm zur Parodie: »Ich habe alle Hände voll zu tun, ich weiß mir vor Arbeit nicht zu helfen. Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundert fünf und sechzig Mal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine ganz eigene Unterhaltung.« Nur in absurd-melancholischer Form, wobei die Seitenhiebe auf die Unendlichkeitssehnsüchte der Romantiker nicht fehlen dürfen, vermag er an einer Welt zu leiden, in der die einen zu unmenschlichem Müßiggang, die andern zu unmenschlicher Arbeit verdammt sind. In Valerio findet Leonce einen Gleichgesinnten, der ebenfalls »noch Jungfrau in der Arbeit« ist und »eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit« besitzt, nicht ohne die Widerstände zu registrieren - schließlich ist er in einem Entwurfsbruchstück des Textes ein Deserteur, den die Polizei verfolgt -, die seinem subjektiven Entwurf von der Welt entgegenstehen: »Es ist ein Jammer. Man kann keinen Kirchturm herunterspringen, ohne den Hals zu brechen.« Während Leonce und Valerio sich weigern, ein »nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft« zu werden (»Lieber möchte ich meine Demission als Mensch geben.«), ist König Peter vom Willen beherrscht, durch Denken der Welt beizukommen: »Der Mensch muß denken und ich muß für meine Untertanen denken, denn sie denken nicht, sie denken nicht. - Die Substanz ist das >an sich<, das bin ich . . . Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidenzien, wo ist mein Hemd, meine Hose? Halt, pfui! der freie Wille steht da vorn ganz offen. Wo ist die Moral, wo sind meine Manschetten?« Der deduktive Schematismus der idealistischen Systeme, die die Welt aus einem Axiom zu generieren suchen, gerät in seiner Beliebigkeit und Folgenlosigkeit gegenüber der menschlichen Praxis zur Groteske. Die Staatsräte, um ihre Meinung befragt, antworten im Chor zur Zufriedenheit ihres Herrn: »Ja, vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.«