Schade, Schade ! Da wollte ich mal wieder ein spannendes Buch lesen, dass mir das Leben eines der größten Genies des letzten Jahrtausends näher bringt - und dann das. Irreführend war der Vergleich im Buchdeckel mit Irving Stones packender Geschichte über das Leben Michaelangelos, denn Stone hatte Jahre in den Archiven des Vatikans und italienischer Bibliotheken gewühlt, um das Leben Michaelangelos so spannend so nahe, und vor allem so wirklichkeitsnahe nachzuerzählen. In jedem Kapitel Stones Buches hatte man das Gefühl alles, bis ins kleinste Detail, sei wahr und genau so und nicht anders geschehen. Das Ganze wurde noch durch eine packende Schilderung der Geschichte Italiens, dessen Geschicke mehr denn je die Päpste und Kaufmannsfamilien lenkten, und durch die lebensnahe Beschreibung der Städte, in denen sich Michaelangelo aufhielt, untermauert. Schon nach wenigen Kapiteln hatte man das Gefühl in diesem wunderschönen Italien mit Michaelangelo Seite an Seite durch die alten Straßen von Florenz zu flanieren. Den Staub seiner Bildhauer-Werkstatt konnte man beim Lesen auf der Zunge spüren. Nichts von alledem bei Frischauer ! Fleischauer ist zwar bemüht dem Leser immer wieder vor Augen zu führen, wie sehr Leonardos Leben durch seine homosexuelle Liebe bestimmt war und wie oft er dafür und auf der Flucht vor politischen Wandlungen zwischen Florenz, Mailand und Rom hin- und herpilgerte, aber weder über seine Liebe zur Mathematik, zur Geometrie, zur Mechanik, zur Astronomie, noch zur Malerei selbst erfahren wir viel. Leonardo erschheint in der Schilderung seiner Errungenschaften als oberflächiger Bastler, der sein ganzes Leben lang nur sinnlose Zeichnungen und mechanisches Spielzeug angefertigt hat ohne jemals wirklich etwas von Bedeutung "zu erfinden". Am Schlimmsten empfand ich aber das schon nach wenigen Seiten in mir erwachende Gefühl, dass nichts von dem was da geschrieben stand wirklich sorgfältig recherchiert worden war. Viele Beschreibungen, Dialoge oder vermeintliche Begegnungen in Leonardos Leben erscheinen vom Autor frei erfunden - oder aber sie konnten anhand schlechter Quellen nur lückenhaft wiedergegeben werden: aber da scheiden sich eben die guten von den schlechten Biographen ! Ein fehlender Hinweis auf die Quellen, die der Autor benutzt hat, um Leonardos Leben zu erforschen hilft dem Leser da nicht weiter. Stone hätte hier Vorbild sein sollen. Das Glossar beschränkt sich leider nur auf Namen von Zeitgenossen Leonardos. Will man aber eben mal schnell nach Textstellen suchen, die z.B. den zu dieser Zeit im Bau befindlichen Petersdom erwähnen, sucht man vergebens. Alles in allem hatte ich mit der letzten Seite nicht das Gefühl irgendetwas Neues über Leonardo da Vinci gelernt zu haben (ausser vielleicht, dass er stark homosexuell war). Noch immer weiss ich nicht, was ihn angetrieben hat - war es Besessenheit oder Leidenschaft, Sehnsucht nach etwas Höherem oder einfach nur die Lust an der Wissenschaft ? Im Vergleich zu Michaelangelo scheint Leonardos Leben und sein Geist ziemlich langweilig und oberflächig gewesen zu sein - aber ich hoffe, dass es nur am Autoren und nicht an der historischen Person lag, und so werde ich wohl noch eine Biographie über Leonardo da Vinci lesen müssen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)