Nicht von ungefähr steht die angelsächsische, und das will heißen: die britische Geschichtsschreibung im Ruf, profunde aus den Quellen zu schöpfen und dabei doch im besten Sinne unterhaltsam zu sein. Die schwerblütigen Deutschen tun sich damit zumeist etwas schwer.
Charles Nicholls Da-Vinci-Biographie verfügt über eben diese Vorzüge: durch eifriges Quellenstudium ist es seriös, durch sein Herangehen, über die Werke den Menschen zu erschließen, ist es faszinierend und leicht lesbar.
Nicht nur das intensive Durchforsten von Leonardos Notiz- und Skizzenbüchern, sondern auch von zeitgenössischen Dokumenten, die auch Leonardos Familie, seine Künstlerkollegen und seine Umgebung betreffen, fügt Nicholl da Vincis Leben zusammen und bleibt auch in seinen Mutmaßungen, die so manche Lücke füllen müssen, stets plausibel.
Dabei verzichtet er darauf, allzu hagiographische Überlieferungen wörtlich zu nehmen, die den Blick auf den Menschen verstellen oder Cliché eines Genies sind, aber von anderen Biographen unkritisch übernommen wurden. Er vermeidet sogar ausdrücklich diesen Begriff und warnt davor, daß unser Bild von ihm zu sehr durch das berühmte Altersbildnis überlagert wird, das freilich ironischerweise den Umschlag ziert. Der Eindruck von da Vinci als Universalgenie ergibt sich von ganz allein.
Bezeichnenderweise stellt der Autor eine Einführung voran, die "Die Suppe wird kalt" übertitelt ist - eine von Leonardos Notizen, mit denen ein Traktat über Geometrie abbricht. Mit der gleichen Beiläufigkeit finden sich in seinen Manuskripten Namen von Leuten, die er kannte (oder kennen lernen wollte), Einkaufslisten, Gedankensplitter und andere meist bruchstückhafte Anmerkungen - zwischen all seinen minutiösen anatomischen Zeichnungen, Beobachtungen über den Vogelflug, Entwürfen von automatischen Wagen blitzen Alltäglichkeiten auf, die ihn menschlicher, faßbarer machen. Jedoch bedarf es der ordnenden Hand und der erklärenden Stimme eines Biographen, der diese Schnipsel in einen Zusammenhang stellt.
Anhand all dieser Belege folgt der Autor den Geschehnisse dieses Lebens von der frühen Kindheit in der Toscana über seine Lehr- und Wirkzeit in Florenz, seine fruchtbaren Mailänder Jahre bis zu seinem in Amboise verbrachtem Alter, seinen Beziehungen zu den Größen seiner Zeit wie Ludovico Sforza, Niccolò Machiavelli, Cesare Borgia, zu seinen Kollegen und Konkurrenten wie Michelangelo, zu seinem Adlatus Zoroastro und seinem Geliebten Salai, er sucht die Befindlichkeiten seines Helden zu ergründen, soweit sich diese erschließen lassen, und breitet sein Werk mosaikartig vor uns aus.
Daß die übersichtliche Zahl der bekannten Gemälde sich leichter vorstellen läßt als die Unmenge an Erfindungen und Beobachtungen des großen Technologen und Naturforschers versteht sich von selbst.
Einige von ihnen wird im ebenfalls sehr lesenswerten Buch nachgegangen, das der bekannte Wissenschaftsautor Stefan Klein verfaßt hat: "Da Vincis Vermächtnis oder wie Leonardo die Welt neu erfand".