Alles richtig, was von den Rezensenten an Positivem gesagt worden ist und dennoch bleibt ein etwas unbefriedigtes Gefühl. Und "Schuld" daran hat der Meister selbst, indem er die Messlatte und Erwartungshaltung fast unerreichbar hoch geschraubt hat. Da wäre zum einen das vorausgegangene Jahrhunderwerk "Live in London", das wirklich in jeder Hinsicht unglaublich gut und ergreifend geraten ist und wie eine Supernova am Firmament der Konzert-DVDs strahlt (für eine derartige künstlerische und technische Sternstunde genügen 5 Sterne definitiv nicht). Und da wäre zum anderen das unvergessliche Erlebnis eines Livekonzerts, das ich vor Kurzem in Stuttgart genießen durfte. Selbst die schauderhafte Akustik und seelenlose Funktionalität der dortigen Schleyerhalle vermochten nicht zu verhindern, dass der Funke vom ersten Ton an von der Bühne auf das Publikum übersprang und die atemlose Spannung bis zum Verklingen des letzten Tones und lange darüber hinaus anhielt. Wunderbar an dem Konzertprogramm war für mich zweierlei: Zum einen der Umstand, dass das Songrepertoire um einige zeitlos gute Stücke angereichert wurde, die sicher nicht nur ich schon bei "Live in London" gerne zusätzlich gesehen und gehört hätte (z.B.: The Partisan, Famous Blue Raincoat, Avalanche; aber bei einer solchen Vielzahl von Meisterwerken kam man natürlich nicht umhin, eine Auswahl zu treffen - und die war ja wirklich exzellent, weshalb man sich kaum getraut von "vermissen" zu sprechen). Der andere, wirklich verblüffende Aspekt des Konzertes war der, dass es dem Meister und seinen kongenialen Musikern gelungen ist, einige Lieder gegenüber "Live in London" durch neue Arrangements noch weiter aufzuwerten; die virtuosen Soli insbesondere von Javier Mas und Dino Soldo gehörten zu den absoluten Highlights des Konzerts.
Vor diesem Hintergrund war ich freudig gespannt auf die neue DVD, die ja nun versprach, die zusätzlichen Lieder und vielleicht auch einen Teil der neuen Arrangements zu konservieren. Insbesondere Letzteres ist leider nur teilweise eingefangen worden (vielleicht, weil die Arrangements erst im Laufe der Tour überarbeitet wurden?). Die Songs from the Road stellen in der Tat eine tolle und unverzichtbare Ergänzung zu "Live in London" dar, wenngleich sowohl die Aufnahmequalität als auch die Präsentation das extrem hohe Niveau des Vorgängers m.E. nicht ganz halten können. Irgendwie wirkt der Meister bei einigen Stücken auch etwas matt, was in seinem Alter bei dieser dreijährigen Marathontour "around the world" ja auch mehr als verständlich wäre, wovon aber erstaunlicher Weise bei dem Konzert in Stuttgart, das ja noch deutlich später stattfand als die Ausschnitte auf der DVD, rein gar nichts zu spüren war.
Davon abgesehen, dass man Leonard Cohen noch viele schöpferische Jahre von Herzen wünscht, sollte er sich zunächst einmal Zeit zur Regeneration gönnen, auch wenn sich sein treues Publikum auf der ganzen Welt zu Recht nichts sehnlicher wünscht, als das mit keinem anderen Kunstgenuss vergleichbare Erlebnis eines Live-Konzerts.
Kann man wegen der angesprochenen Einschränkungen weniger als fünf Sterne vergeben? - Kann man nicht! Überhaupt ist es eigentlich eine Anmaßung, Leonard Cohen und seine hohe Kunst "bewerten" zu wollen.