Ich kann mich noch dunkel an einen Fernsehbericht aus den 1980er Jahren über Probenarbeit Leonard Bernsteins an Strawinskijs Sacre du Printemps mit dem Orchester des Schleswig Holstein Musikfestivals erinnern, wie er mit beeindruckender körperlicher Präsenz wirklich urzeitliche Klänge aus dem Ensemble herausholte, dabei grunzend, summend, 100% mit Geist, Körper und Seele bei der Sache. Beeindruckend. Wenngleich ich Strawinskij nie habe dirigieren sehen, stelle ich mir ihn selbst eher als zurückhaltenden, fokussierten und effizienten Interpreten vor, das zumindest ist auch der Eindruck, der sich beim Hören seiner Werke unter seinem eigenen Dirigat ergibt (
Works of Igor Stravinsky).
Die hier kompilierten Bernstein-Deutungen eines kleinen Auszugs der Werke Strawinskijs (Sacre in der Version von 1913, Feuervogel-Suite von 1919, Petruschka in der Version von 1947, Pulcinella-Suite von 1949, Les Noces, Messe, Symphonien in C und in drei Sätzen sowie Scénes de ballet) sind insofern mit ziemlicher Sicherheit weder ganz authentisch noch "korrekt", aber wie so oft bei Bernstein spielt das letztendlich keine Rolle, die Ergebnisse überzeugen, indem sie mitreißen, fesseln, indem sich auf den Hörer eben die Intensität überträgt, in der sich Bernstein den Werken widmet und sie seinem Orchester nahebringt, hier dem Israel Philharmonic in Digitalaufnahmen aus den frühen 1980ern (Les Noces und die Messe aus den späten 1970ern mit dem English Bach Festival Orchestra). Derart abgründig, lasziv, mit derart viel Mut zur Primitivität, derart kontrastreich hört man das Sacre selten, dabei aber auch extrem rhythmisch präzise. Wer "objektivere" Darstellungen bevorzugt, sollte vielleicht lieber zu Strawinskijs eigener oder auch zur Interpretation von
Pierre Boulez greifen. Rhythmus, Akzente und Sinn für Ironie prägen auch die Bernstein-Deutungen der anderen hier eingespielten Ballette und Symphonien. Die Aufnahmen mit dem Israel Philharmonic sind dabei klangtechnisch geradezu überwältigend, enorm gut durchhörbar, mit extrem viel Fundament und von ungeheurer Dynamik.
Dmitrij Schostakowitsch wurde wohl von Igor Strawinskij nicht besonders geschätzt, die musikalische Ausdrucksweise dieser beiden Protagonisten der russischen Musik des 20. Jahrhunderts ist sehr unterschiedlich. Umso interessanter, dass sich Bernstein auch einiger der Werke des großen "sowjetischen" Symphonikers angenommen hat. Eingespielt sind die Symphonien 1 u. 7 mit dem Chicago Symphony Orchestra und die Symphonien 6 u. 9 mit den Wiener Philharmonikern (jeweils Ende der 1980er aufgenommen). Die Ergebnisse aus Chicago finde ich dabei noch einen Tick überzeugender, sowohl was das Ausschöpfen musikalischer Kontraste (geniale Erste Symphonie!) als auch gewissermaßen die hörbare Vertrautheit des Orchesters mit dem Material angeht, woran auch immer das liegen mag. Auch klanglich sind die Aufnahmen aus Chicago für meine Ohren in der allerobersten Liga. Natürlich sind auch die Wiener Einspielungen sehr gut, wirken aber ein Quäntchen enger. Bemerkenswert wieder einmal, dass die Tempowahl bei Bernstein ungewöhnlich, aber schlüssig ist, zumal in der Siebten Symphonie, meines Wissens die einzige Einspielung, die nicht auf eine einzelne CD passt. Trotzdem ergibt sich nie der Eindruck, dass hier lahm musiziert worden wäre.
So ist auch diese Ausgabe der sehr verdienstvollen "Complete Recordings on DG" mit Bernstein-Aufnahmen aus meiner Sicht wieder sehr lohnens- und empfehlenswert, nicht nur angesichts des derzeit sehr günstigen Preises. Die Aufmachung ist wie gewohnt, ordentliche Box, Einzelkartons für die CDs, ausreichende Angaben zu den Aufnahmedaten und ein Essay zur Entstehung der Einspielungen. Prima!