Ich möchte der vorangegangenen Rezension gerne etwas entgegensetzen. Denn Romane sind nun einmal Geschmackssache, und ich würde es wirklich schade finden, wenn bei "Leon Meed" lediglich zwei Sterne bestehen blieben.
Dass dieser Mann hier und da auftaucht, um einen Augenblick später wieder zu verschwinden, stimmt. Bloß bin ich während des Lesens ganz gut damit gefahren, mir darüber keine tiefer gehenden, gar wissenschaftlichen Gedanken zu machen, um zu einer Erklärung zu kommen. Vielmehr blieb ich neugierig, wie sich die Dinge weiter entwickeln, worauf das Ganze hinaus läuft, wie sich am Ende alles auflöst.
Und wurde nicht enttäuscht. Ich glaube, ob man das Buch mag, hängt davon ab, mit welcher Einstellung und Erwartung man es liest. In meinen Augen ist es ein (gelungener!) Ausschnitt aus dem Leben einiger Bewohner der kalifornischen Kleinstadt Eureka. Und ich mag das: Eine Weile am Leben der Anderen teil haben zu dürfen. Ganz echt, offen und emotional aus Sicht der jeweiligen Charaktere geschildert.
Ohne die Titelfigur würden all diese Alltagsgeschichten vor sich hin plätschern und gleichsam in unbefriedigende Einzel-Episoden zerfallen. Doch durch den Roten Faden Leon Meed werden alle Charaktere kunstvoll miteinander verwoben - manche recht eng, andere wiederum lernen sich nicht einmal kennen. Er stellt somit als geschickter und skurriler Kunstgriff von seinem ersten Erscheinen bis zur letzten Seite die verbindende Klammer dar, einschließlich des Epilogs, der letztendlich den Bogen schließt.
Dass einiges rätselhaft bleibt, hat mich nicht gestört, im Gegenteil. Zumal auch diese Unerklärbarkeit, und welche Folgen sie haben kann, im Roman thematisiert wird.
Wer also Leon Meed weniger als die Hauptfigur betrachtet, sondern stattdessen interessiert Anteil nimmt an all den kleinen Geschichten aus Eureka, den Begegnungen, Sehnsüchten, den menschlichen Schwächen, Träumen, Niederlagen etc., der hat mit Leon Meed einen aus meiner Sicht sehr lesenswerten Roman vor sich.
(Übrigens war ich erstaunt, dass Josh Emmons bei dessen Veröffentlichung erst 32 Jahre alt war - ein erstaunlich junges Alter für so viel Lebensweisheit.)
"Leon Meed beschließt zu gehen" ist eines jener Bücher, bei denen der Abschied von den Figuren etwas schwerer fällt als bei anderen, und die man nach dem Zuklappen gerne noch ein paar Tage sichtbar herumliegen lässt, bevor man sie schließlich ins Regal einsortiert.