In der einleitenden Erzählung von Daniel Kehlmann soll der Schriftsteller Leo Richter von einem ominösen Guido Rabenwall ("über zwei Meter groß, um die Siebzig und mit buschig grauem Bart" 13) interviewt werden, weil dieser vertragsgemäß ein Porträt über Richter schreiben soll. Rabenwall erweist sich schnell als unerträglich für Richter, weil er schon nahezu alles über ihn zu wissen scheint bzw. noch in Erfahrung bringen möchte. Versucht Richter anfangs noch, sich der Zudringlichkeit und Omnipräsenz des Menschen zu entziehen, so erweist sich dies bald als unmöglich, Rabenwalls penetrante Fragen sind Fragen, die sich Richter selbst stellt, sind seine Grübeleien und sein Über-Ich, denen er sich letztlich wie auch allen realen Lebensentscheidungen in ein "Traumgewirr" zu entziehen versucht, in dem sich sein Ich auflöst.
Wer in dem nachfolgenden Porträt Kehlmanns von dem Zeit-Journalisten Adam Soboczynski eine realistische Spiegelung dieser interessanten romantischen Erzählung Kehlmanns erwartet hat, sieht sich enttäuscht. Zwar reflektiert Soboszynski einleitend über die fragwürdige Leistung eines Porträtisten, bei der es sich immer um eine "Zurichtung" (45) des Porträtierten handle, aber was dann folgt, ist biedere Journalistenkost und bleibt eher äußerlich: Es geht um die Vorbereitung des Treffens mit Kehlmann, ihr gemeinsames Essen, ferner um dessen Wohnung, Großvater, Eltern, Auftritt auf einer Brecht-Feier in Augsburg...
Da kann man sich mehr an Stocktons subtilen und dramatischen Illustrationen freuen, obwohl ich mich darüber wundere, warum bei Guido Rabenwall der "buschig graue Bart" fehlt. Aber das nur nebenbei. Einige interessante Porträtfotos Kehlmanns von Heji Shin finden sich auch noch in dem hübschen Hardcover-Bändchen.