"Leo Kaplan", der letzte Roman des holländischen Autors Leon de Winter, ist viel gelobt worden. Zu Recht, wie ich finde. Natürlich geht es, wie in allen Romanen, die man in einem Bissen verschlingt, um die großen Gefühle: die Hauptfigur, der Schriftsteller Leo (seinem Schöpfer, darf man annehmen, nicht unähnlich), ist zerrissen zwischen seinen Begierden und der Sehnsucht nach der großen Liebe, zwischen gequälter Loyalität zu seinen kleinbürgerlichen jüdischen Wurzeln und der narzisstischen Pose des weltbürgerlichen Großintellektuellen. Ein Mensch, der die innere Leere mit tausend Worten füllt, der sich schreibend neu erfinden will und der doch nicht verhindern kann, dass sein brillanter Verstand immer wieder unter die Gürtellinie rutscht. Den Tiefpunkt hat er erreicht, als er in Kairo von einer minderjährigen Prostituierten beraubt wird und im Krankenhaus landet, und eben dort sieht er nach siebzehn Jahren seine große Liebe wieder...
Natürlich ist das alles nicht neu- es gibt überhaupt wenig Neues unter der Sonne- aber es ist ganz ungewöhnlich gut gemacht. Winter benutzt alle Techniken, vor denen die Lehrbücher warnen: Vor- und Rückblenden, ironische Erläuterungen des auktorialen Erzählers, häufige Perspektivwechsel (einmal spricht sogar ein Hund), eingefügte Anekdoten, die mit dem Hauptstrang nur wenig zu tun haben- und trotzdem hält alles zusammen und das intensive Lesevergnügen wird keine Sekunde gestört. Wie er das schafft, kann ich nicht erklären, es ist einigermaßen verblüffend. Handwerklich erinnert mich sein Vorgehen am ehesten an Milan Kundera- aber Winter ist komischer und weniger prätentiös.
Alle Figuren, große wie kleine, sind absolut glaubhaft. Sie sind nicht erfunden, keine Ideen auf Stelzen, sondern so lebendig, wie es Menschen auf Papier sein können. Vielleicht mit einer kleinen Einschränkung: die Dialoge, oft spritzig und intelligent, sind in der Diktion mehr oder weniger einheitlich; auf die Möglichkeit, die Figuren durch sprachliche Eigenheiten zu charakterisieren, verzichtet der Autor. Ich finde das in Ordnung- Manierismen a la Sam Hawkins („hihi, wenn ich mich nicht irre") halten 12jährige Karl-May-Fans für große Kunst. An dem Sonntag, an dem ich das Buch verspeiste, habe ich mich mindestens dreimal verliebt: in Ellen, in Hannah, in Paula.
Da ich mir das Privileg gönne, nur über Bücher zu schreiben, die ich liebe (obwohl auch Verrisse Spaß machen könnten, zum Beispiel über Harry Fulisch, den schönsten Autor aller Zeiten- aber das kann sein Landsmann Winter besser!!!) ist der Schluss immer derselbe: stornieren Sie das Kokain, schenken Sie sich die Cocktail-Party, sparen Sie den Eintritt für die Nobel-Disco und kaufen sich stattdessen dieses Buch!