Aus der Amazon.de-Redaktion
Leo Katzenberger betreibt im Nürnberg der 30er-Jahre ein florierendes Schuhgeschäft. Der Lebemann und patriotische Deutsche hat eine Vorliebe für schöne Frauen, ist aber dennoch glücklich mit seiner Frau Claire verheiratet. Als die junge, exzentrische Fotografin Irene Scheffler in eine seiner Mietswohnungen im Hinterhaus zieht und dort ihr Atelier eröffnet, beginnt eine Freundschaft, die den beiden den Neid und die Missgunst der anderen Hausbewohner einbringt. Die Nachbarn bezichtigen die beiden im Bund mit der NS-Hetzpresse der Rassenschande. Leo will die Gefahr nicht wahrhaben, doch schließlich kommt es zum Prozess.
Schauspieler in Kostümen laufen durch Kulissen -- diese für Vilsmaiers Filme typische Beschreibung trifft leider auch auf Leo und Claire zu. Vielleicht hätte der Film in Schwarz-Weiß inszeniert mehr an historischer Tiefe gewonnen. Dem exzellenten Schauspielensemble ist es zu verdanken, dass die Charaktere dennoch mit Leben gefüllt werden und die Geschichte um Liebe und Denunziation glaubwürdig ist. Insbesondere Michael Degen, der als Jude den Nationalsozialismus mit seiner Mutter versteckt in Berlin überlebte (Nicht alle waren Mörder), verleiht Katzenberger die nötige Tiefe, gepaart mit einer kraftstrotzenden Lebenslust, die ihm zum Verhängnis wird. Franziska Petri (Vergiss Amerika) betört als lolitahafte Femme fatale, Jochen Nickel, Andrea Sawatzki und Axel Milberg bringen die Atmosphäre des spießigen Kleinbürgermilieus zum Greifen nah. In eindrucksvollen Nebenrollen überzeugen Dietmar Schönherr als jüdischer Anwalt und Kai Wiesinger als Gestapo-Mann. Einzig Suzanne von Borsody bleibt in der Titelrolle etwas schwach, da die Inszenierung ihrer Figur gar zu wenig Raum lässt.
Der Film wurde an Originalschauplätzen in Nürnberg und Jerusalem gedreht, aber die Kulissen der Bavaria-Studios machen jegliche Anstrengung Vilsmaiers zunichte, seine Bilder des Alltags im Dritten Reich realistisch erscheinen zu lassen. Dies ist umso bedauerlicher, als der Film gerade von der treffsicheren Schilderung der ganz normalen kleinen Leute lebt, die im NS-Staat zum klassischen Mitläufer werden. Ihr durchaus bewusstes Handeln weiß Vilsmaier genauso überzeugend zu vermitteln wie die schrittweise Vernichtung des jüdischen Lebens in Deutschland -- von der kleinen Demütigung über Drohungen bis hin zur körperlichen Gewalt. Das hilft über so manche Schwäche hinweg. --Birgit Schwenger
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Video Jakob Kurzinhalt
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Blickpunkt: Film
Auch die deutsche Produktion ist stargespickt, die Besetzungsliste liest sich wie das Einmaleins des deutschen Films. Allen voran Michael Degen in der Rolle des Leo Katzenberger, der der Figur des lebensfrohen, erfolgreichen Geschäftsmanns, überzeugten Staatsbürgers und liebevollen Familienvaters Tragik und Tiefe zu verleihen vermag. Franziska Petri ('Vergiss Amerika') gewinnt ihrer Irene Scheffler zwischen Femme Fatale und naivem Mädchen Profil ab, obwohl sie gerne zum leichtbekleideten Posieren in Fensternähe genötigt wird. Auch Suzanne von Borsody als Gattin Claire gibt ihr Bestes, wenngleich ihrer Figur, gerade als 'Titelheldin', durchaus mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu wünschen wären.
Die Drehbuchautoren Reinhard Klooss und Klaus Richter rücken bei der Adaption der auf Tatsachen beruhenden Geschichte nach Motiven von Christiane Kohls Dokumentation 'Der Jude und das Mädchen' nämlich nicht den Flirt des Kaufmanns mit der schönen Fotografin in den Vordergrund, sondern die dramatische Entwicklung der Ehe von Leo und Claire Katzenberger, die alle Herausforderungen und Zerwürfnisse übersteht. Die Geschichte spielt zwischen 1933 und '42 vor allem in jenen Nürnberger Hinterhöfen, in denen der angesehene Inhaber der Schuhgeschäfte Katzenberger der jungen, blonden und für die Meinung ihrer Mitbewohner viel zu exzentrischen Fotografin Irene ein Studio vermietet. Bald dichten die Hinterhof-Saubermänner und -Frauen dem Vermieter und der Mieterin ein Verhältnis an, wobei der Film offen lässt, ob die Freundschaft der beiden übers rein Platonische hinausgeht. Die Denunziation der Nachbarn führt zu ihrer Verhaftung. In einem skandalösen Prozess voll tiefster Demütigungen wird Leo Katzenberger zum Tode verurteilt. In seinen letzten Stunden spendet ihm allein der Briefwechsel mit seiner Frau Trost und Kraft. Wie aus dem aus Sozialneid und Frustrationen geborenen Denunziantentum ganz normaler kleiner Leute, die sich über die Konsequenzen ihres Tuns wohl durchaus im klaren waren, eine große persönliche Tragödie entsteht - diesen Aspekt hebt Vilsmaier immer wieder hervor, ihm ordnet er allerdings auch differenziertere Charakterzeichnungen unter.
Er konzentriert sich vor allem auf die Schilderung der klatschsüchtigen 'Hinterhofidylle', die Leo schließlich zum Verhängnis wird. Dort, in den Mietwohnungen seines Häuserblocks, wo der Sexualfrust seine schönsten Blüten treibt, bleibt das Studio-Ambiente hölzern, auch wenn Andrea Sawatzki und Jochen Nickel als Ehepaar Steinheil und Axel Milberg als schweigsamer Hausmeister Akzente zu setzen wissen.
Vilsmaier, der wie immer selbst die Kamera führte, gelingen überzeugende Bilder für den infamen Alltag im Dritten Reich, von der kleinen Demütigung des jüdischen Geschäftsmanns über massive Drohungen bis zur nackten Gewaltanwendung, und vor allem zum Ende hin gewinnt der Film emotional an Tiefe. boe.