Ist es richtig, dass es bis 1492 auf europäischem Boden ein Königreich mit einem Sultan an der Spitze gegeben hat ? Ja, es ist richtig. Es handelt sich um das Sultanat Granada in Andalusien. Stimmt es, dass es im Maghreb solche Städte gegeben hat, die sich vornehmlich mit Flüchtlingen aus Andalusien bevölkert haben, die bei der Rückeroberung Spaniens durch christliche Herrscher vertrieben wurden ? Durchaus. Fes ist eine solche Stadt. Hat es um jene Zeit in Tumbuktu wirklich einen mächtigen Herrscher gegeben, der über weite Teile Schwarzafrikas geherrscht hat ? In der Tat : der Aksia Mohammed Touré (1493-1528) war ein solcher Herrscher. Ist es wahr, dass in Kairo tscherkessische Mamelucken an der Macht waren, bis sie von den Ottomanen gestürzt wurden ? Ja, so geschah es im Jahr 1517. Und stimmt es, dass Rom 1527 von den Truppen Karls V. - Kastiliern und deutschen Landsknechten - geplündert wurde ? Ja, so war das ; diese Episode ist als „Sacco di Roma" in die Geschichte eingegangen. Schließlich und endlich : Hat es eine historische Gestalt gegeben, die, in Granada geboren, in Fes aufgewachsen, mit Afrika bis Tumbuktu hinein vertraut, in Kairo und Konstantinopel heimisch, alle diese Kulturkreise gekannt und miterlebt hat ? Und die, von Korsaren entführt, am Hof von Papst Leo X. landete, von ihm adoptiert wurde, zum Katholizismus konvertierte, von nun an Johann Leo von Medici hieß und Geograph des Papstes wurde ? Die schließlich ihren Lebensabend wahrscheinlich daheim in Nordafrika verbrachte, wo sie zu ihrer ursprünglichen Religion, dem Islam, zurückgefunden haben soll ? Jawohl, diese Gestalt hat es gegeben. Johann Leo von Medici war erst ihr nachträglicher Name, ihr ursprünglicher war Hassan al-Wazzan. Geboren wurde er 1490 im damals noch muslimischen Granada, und hinterlassen hat er wirklich eine Beschreibung Afrikas, eines der ersten Bücher über den Schwarzen Kontinent überhaupt. Aber es ist unwahr, dass der Mann außerdem eine eigene Lebensbeschreibung hinterlassen hat, die er als eine Art Vermächtnis an seinen Sohn konzipiert hat. Dies ist eine - durchaus gelungene - Fiktion des Schriftstellers Amin Maalouf, der das Kunststück vollbringt, dieses farbenprächtige, atemberaubende Epos auf weniger als 500 Seiten unterzubringen. Erzählt wird dennoch nicht um des bloßen Erzählens willen. Aus der Erzählung hebt sich eine Botschaft - an seinen Sohn, also auch an die Nachwelt, an uns - ab, die in folgenden Worten gipfelt : „Wenn der Geist der Menschen eng erscheint, so sage dir, dass Gottes Erde weit ist, dass groß auch seine Hände sind und groß sein Herz. Zögere nie fortzugehen, hinweg über alle Meere, hinweg über alle Grenzen, alle Heimatländer und alle Religionen". Dies ein kaum verschlüsselter, verhalten zuversichtlicher Appell an die Toleranz, aber auch eine Ermutigung, vor allen Dingen die eigenen Grenzen zu durchstoßen bzw. zu erweitern, um zu einem gedeihlicheren Miteinanderleben zu finden. Der Zusammenstoß der drei großen monotheistischen Religionen - Islam, Judentum und Christentum - im mittelalterlichen Spanien gab immer wieder Anlass, hierüber nachzudenken. Wer sich in diese Welt vertiefen möchte, der lese zum Beispiel auch Lion Feuchtwangers „Jüdin von Toledo". Ein wohl kongeniales Werk.