Georg Büchners Novellenfragment "Lenz" hat bei mir einen sehr großen Eindruck hinterlassen. Allein schon die sprachliche Gestalt der Erzählung ist so mitreißend und gefühlvoll, dass mir das Lesen des Buches sehr leicht gefallen ist. Die inhaltliche Thematik hat mich auch sehr angesprochen, zumal es Georg Büchner auf unnachahmliche Weise gelungen ist, die emotionalen Zustände eines geisteskranken Menschen sprachlich umzusetzen. Ich konnte mich in die Gedankenwelt des Protagonisten der Novelle hineindenken und mir ein Bild von seiner inneren Zerrissenheit und Ausweglosigkeit machen.
Meiner Ansicht nach liegt in der Gestalt des Lenz ein äußerst sensibler, feinsinniger und künstlerisch sowie ästhetisch hoch gebildeter Charakter vor, den Büchner teils aus den überlieferten Tagebuchaufzeichnungen des Pfarrers Oberlin, aber auch aus dem Bereich seiner eigenen Vorstellungen heraus erschaffen hat. Die Deutung seines Aufenthaltes im Bergdorf Waldbach, in dem es zum eigentlichen Ausbruch seiner psychischen Erkrankung kommt, fiel mir nicht leicht, da die emotionalen Stimmungen des Protagonisten seiner subjektiven Wahrnehmung entspringen und eine Interpretation derartiger Gefühlswallungen, wie sie Lenz dem Leser vor Augen führt, sehr schwierig ist.
Dennoch fühlte ich mich beim Lesen von vielen Stimmungsbildern und Motiven angesprochen. Sein feinfühliges Empfinden der Natur, besonders am Anfang der Erzählung, und der Ausdruck seiner Verzweiflung gegenüber den destruktiven, negativen Kräften seiner gesellschaftlichen Umwelt gegen Ende. Neben den mitreißend beschriebenen Natureindrücken, die immer wieder auf Lenz "niederprasseln", hat mich vor allem auch der spontane Ausdruck seiner existenziellen Entrüstung bestochen, u. a. an der einen Stelle, wo Lenz sagt "aber ich, wär' ich allmächtig, sehen Sie, wenn ich so wäre, und ich könnte das Leiden nicht ertragen, ich würde retten, retten, ...". Mit diesem Satz kommt sein innerer Konflikt zum Vorschein, er kann die bestehenden Verhältnisse in der Welt, in der leben muss, nicht länger stillschweigend ertragen. Der Tod des Mädchens in Fouday, zu dem er sich so plötzlich hingezogen fühlte, das gedankenlose Unverständnis der Menschen von Waldbach, die zwar freundlich sein mögen, aber ihm doch nicht helfen können bzw. wollen. Das sind die "unbeschreiblichen Leiden", im Text mehrmals erwähnt, die er nicht länger ertragen kann.
Aber auch der Grund seiner Reise ins Gebirge, nämlich die verhassten Verhältnisse in Straßburg, denen er zu entkommen suchte, sind für seine Depression mitverantwortlich. Nicht nur in Waldbach und im Gebirge begegnet ihm das, was er als unerträglich und abstoßend empfindet, sondern auch in der zivilisierten Welt, in den Städten. Aus der Lebensgeschichte des historischen Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz lässt sich auch sein berufliches und schriftstellerisches Scheitern als ein Grund für seine wachsende Verzweiflung herausfiltern, sowie seine Angst vor dem übermächtigen Goethe, der ihn als einen Exzentriker und verdorbenen Künstler bezeichnete und seinen literarischen Ruf dadurch nachhaltig beschädigte.
Meiner Auslegung nach kann man Büchners Fragment eine ganz grundlegende Bedeutung entnehmen - das Zugrundegehen eines mit höchster Sensibilität ausgestatteten Menschen an einer gleichgültigen, kalten Umwelt. Lenz erschien mir in Büchners literarischer Konzeption von Anfang an als ein begeisterungsfähiger, naturliebender Außenseiter, der sich im kontrastierenden Vergleich zu seinen denaturalisierten, teilnahmslosen Mitmenschen für die ihn umgebende Natur interessiert, sich von ihr berauschen, beseelen lässt, sinnlich und intellektuell zugleich, aber auch zunehmend die beengende Atmosphäre der zivilisierten Welt in sie hineinprojiziert und mehr und mehr von abgründigen, scheinbar dämonischen, in Wirklichkeit nur seinen irrationalen Psychosen entspringenden Mächten vorangetrieben wird.
Alles in allem hat mich Georg Büchners "Lenz" von Anfang an in seinen Bann gezogen. Die beschriebenen Gefühlszustände des Protagonisten sind von solcher Ausdrucksstärke und Intensität, wie man es sonst nur von Goethe oder Thomas Mann gewohnt ist. Ich kann dieses Buch, leider nur Fragment, jedem interessierten Leser weiterempfehlen. Es ist das unvergessliche, zivilisationskritische Vermächtnis eines außergewöhnlich begabten Schriftstellers, der leider viel zu jung gestorben ist. Absolut lesenswert.