Tayeb Salihs "Zeit der Nordwanderung" aus dem Jahr 1969 gilt als einer der wichtigsten Romane der neueren arabischen Literatur und genießt absoluten Kultstatus in der arabischen Welt. Der sudanesische Autor beschreibt fulminant die Begegnung zweier Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und porträtiert eine im Umbruch stehende Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. Hier vermischen sich europäische Gepflogenheiten mit afrikanischen Bräuchen und bieten uns ein völlig fremdes und doch irgendwie bekanntes Bild einer Welt, die uns schon immer in ihren Bann gezogen hat. Bisweilen erscheint es abstoßend, beängstigend und mystisch zugleich, was Tayeb Salih hier beschreibt. Aber die Neugier für das Fremde ist dann doch größer, und so liest man Seite für Seite und dringt tiefer in diesen undurchschaubaren Mikrokosmos eines kleinen sudanesischen Dorfes am Ufer des Nils. Hier beginnt die Geschichte und hier endet sie:
Der Erzähler des Romans, der nicht namentlich erwähnt wird, kehrt nach seinem Studium in Europa wieder zurück in seine Heimat. Dort findet er alles genauso wie er es verlassen hat- bis auf diesen einen ominösen Mann: Mustafa Saîd. Ein Fremder, der vor wenigen Jahren wie aus dem Nichts in das Dorf kam, hier heiratete und sich niederließ. Niemand kennt seine Vergangenheit oder Herkunft, und doch ist er hier völlig akzeptiert und beliebt. In einer durchzechten Nacht jedoch offenbart er dem namenlosen Erzähler sein Geheimnis und berichtet ihm von seiner "Nordwanderung", die ihn über Kairo nach London und Paris führte. Er erzählt von seiner herausragenden wissenschaftlichen Karriere und spart auch nicht mit Beschreibungen von seinen erotischen Abenteuer, die allesamt tragisch endeten. Eines Tages aber verschwindet Mustafa Saîd spurlos in den weiten Fluten des Nils und hinterlässt viele offene Fragen, die auch am Ende des Romans nicht endgültig geklärt werden.
Das wirklich Faszinierende an dieser Geschichte sind aber die ungewohnte Erzählweise, die wechselnden Erzählperspektiven und die Rückblenden, die sich wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Die zauberhaft metaphorische Sprache fesselt den Leser und versetzt ihn in eine andere Zeit. Empfindungen wie Nostalgie, Melancholie und Wehmut steigen plötzlich auf und machen Lust auf Mehr. Tayeb Salih macht aber auch vor schwierigen Themen und Tabus keinen Halt und spricht sie offen und sozialkritisch an. Überhaupt ist "Zeit der Nordwanderung" ein äußerst liberales und aufklärerisches Buch, was für den Sudan, aber auch für die gesamte arabische Welt der 60er Jahre relativ neu ist. Themen wie Alkohol, Sex, weibliche Genitalverstümmelung und die Rolle der Frau in der Gesellschaft- all dies wird offen angesprochen und diskutiert. Tayeb Salih ist ein Schriftsteller, der behutsam die Folgen und Auswirkungen des Kolonialismus in seiner Heimat aufarbeiten will und sich kritisch mit dem Begriff des "Postkolonialismus" auseinandersetzt.
"Zeit der Nordwanderung" ist ein sehr vielschichtiges und intelligentes Buch, das witzig, pointiert und amüsant geschrieben ist. Ein pures Lesevergnügen, das man auch in Europa unbedingt kennen muss!