Als Fünfjähriger wird John Lennon gezwungen sich zwischen seiner Mutter und seinem Vater zu entscheiden. Er entscheidet sich schließlich für seine Mutter und wächst weiterhin bei seinem Onkel und seiner Tante auf.
Lennon ist vierzehn Jahre alt, als sein geliebter Onkel George stirbt.
Lennon ist siebzehn Jahre alt, als seine Mutter, Julia, bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt.
Lennon ist einundzwanzig Jahre alt, als sein bester Freund Stuart Suitcliffe stirbt.
Mit keiner dieser frühen Tragödien hielt sich John Lennon lange auf. Er schluckte und hakte ab. Dann aber schnell weiter! Keine Zeit zum Trauern! Erst recht nicht während der Beatlemania. Und sicherlich genauso wenig, wenn man auf Drogen war.
Ende des Jahres 1970 ist Lennon dreißig Jahre alt und veröffentlicht sein erstes richtiges Soloalbum "John Lennon/ Plastic Ono Band". Mit dreißig Jahren beginnt ein Mann sich seiner Vergangenheit zu widmen, diese im wahrsten Sinne des Wortes zu bewältigen. Und wie!
"Mother, you had me but I never had you": Lennon singt den Song "Mother" und gibt sofort die Richtung vor. Am Ende des Stückes singt er nicht mehr, er schreit und es sind stets die gleichen Worte:
"Mama don't go, daddy come home!"
Worte, die so intensiv und mit solch einer Verzweiflung vorgetragen werden, dass sie unumgänglich einen sprachlosen Hörer zurücklassen müssen.
"Mother" leitet das persönlichste, ehrlichste und in dieser Ehrlichkeit, härteste Album eines Rockstars ein.
So wie der erste Track, ist das gesamte Werk sehr sparsam, ja nahezu kärglich instrumentiert. Auf diese Weise bleibt viel Raum, welchen John Lennon als Sänger und - bewegend - mit seiner Person auszufüllen weiß. Alles ist meilenweit entfernt von den durchgeknallten Orchesterklängen in "A Day In The Life" oder den abgehobenen Drogentexten zu „Lucy In The Sky With Diamonds" oder „ I Am The Walrus". Nie war John Lennon realer, nie war er mehr: John Lennon!
Wer scheint da als Produzent für ein solches Werk ungeeigneter als Phil Spector?!? Ja, man kann es kaum glauben, aber: Produced by Phil Spector. Nichts erinnert an den Spector-Bombast, den man von seinen früheren Arbeiten kannte. „Plastic Ono Band" ist ganz schlicht und so unglaublich direkt.
Im Folksong "Working Class Hero" treffen wir den Lennon aus Liverpooler Tagen, den Schüler, den Studenten, der sich gegen das System, gegen die auflehnt, die ihm sein Leben vorschreiben wollen. Lennon ist ganz der alte Rebell. Das Stück kann noch so ruhig sein, während Sätzen wie "Keep you doped with religion and sex and TV/ And you think you're so clever and classless and free/ But you're still fucking peasants as far as I can see/ A working class hero is something to be..." liegt große Wut in der Luft. Jederzeit erwartet man, dass er wieder anfängt zu schreien. Doch er bleibt einigermaßen ruhig.
Anschließend auf "Isolation" lernen wir einen vollkommen verunsicherten, von Ängsten geplagten Superstar kennen, der nur wenig mit dem vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Lennon zu tun hat. Ein Mann, der die Welt verändern will, jedoch schon an seinem eigenen Leben kaputt geht. Und - das Schlimmste für ihn - er weiß nicht einmal, wer daran Schuld ist, denn jeder Mensch ist ja auch nur "a victim of the insane". Am Ende des Songs dann die unheilvolle Prophezeiung "The sun will never disappear/ But the world may not have many years/ Isolation!"
Doch es mag noch so viel Kummer, Schmerz und Furcht in diesem Album stecken, ein bisschen Hoffnung lässt uns der Ex-Beatle. Zwischendrin - wenn auch äußerst selten - wird man immer mal wieder an die schönen Seiten des Lebens erinnert. An die Liebe! Zwischen der plötzlichen Explosion, die "Remember" beschließt und dem rauen, hart rockenden "Well Well Well" hört man Lennons Ode an die Liebe. An die Liebe, die so nah ist. Das Lied heißt ganz schlicht "Love". Der Gesang ist auf so unschuldige Weise zerbrechlich, dass man die Worte des Sängers einfach glauben muss. Zweihundert Sekunden, die Leben retten können. Wunderschön!
Auch "Hold On" lässt uns hoffen. Ist Lennon in der ersten Strophe noch ganz mit sich und Yoko, natürlich auch mit Yoko, beschäftigt, so wird er dann im zweiten Teil des Songs ganz unser aller John Lennon. "Hold on world, world hold on/ It's gonna be alright/ You gonna see the light/ And when you're one/ Really one/ Well you get things done/ Like they never been done..." Der Künstler als Utopist. Vielleicht eine Vorwegnahme von "Imagine".
Allerdings gleich nach "Hold On" ist Lennon wieder wie ausgewechselt. Fast punkig anmutend klingt der hässlichste Lennon, den man sich nur vorstellen kann, auf "I Found Out". Als ob er uns am liebsten auf den Boden der Tatsachen zurückprügeln würde.
Später mit "Look at me" ist es wieder ganz ruhig. Da ist auch wieder diese Zerbrechlichkeit in der Stimme des Sängers. Und er fragt "Who am I supposed to be?" oder "What am I supposed to be?" oder ganz einfach:
"Who am I?"
"Nobody knows but me." Er scheint zu diesem Zeitpunkt die Antwort schon zu kennen, der Hörer kommt der Sache erst auf dem vorletzten Song des Albums näher.
In "God" verkündet Lennon "I don't believe in magic/ I don't believe in I-ching/ I don't believe in bible..." Er führt noch viel mehr auf und zuletzt heißt es schließlich:
"I don't believe in Beatles!"
Entschlossen entsagt John Lennon allen Phantastereien, allen Mythen und Legenden, allen Phantomen seines bisherigen Lebens. Er lässt die Vergangenheit hinter sich um mit großer Herzlichkeit "I just believe in me/ Yoko and me/ And that's reality" zu verkünden. Was letztendlich übrig bleibt ist nur John Lennon.
Lennon hat zu sich selbst gefunden, der Traum ist aus und "My Mummy's Dead": Das ist traurig. John Lennon hat gelernt zu weinen und wir weinen mit ihm.
Am Anfang von "Mother" sind Totenglocken zu hören. Zehn Jahre später beginnt sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichte Album "Double Fantasy" mit fröhlichem Bimmeln. In diesen zehn Jahren hat John Lennon seinen Frieden gefunden, jedoch nie wieder die Stärke und Intensität von "John Lennon/ Plastic Ono Band"!