Pierre Christin, Kennern seiner grafischen Novellen (bzw. Comics) als Autor politisch engagierter und fundierter Geschichten wohlbekannt '- hier sei auf seine Zusammenarbeit mit Enki Bilal hingewiesen -, hat mit Lenas Reise erneut eine wunderbare, zurückhaltende Erzählung über die Verstrickung einer Frau in aktuelle (welt)politische Geschehnisse geschaffen. Eine Frau, die nach einem tragischen Schicksalsschlag einen Neuanfang zu finden versucht, einen in seiner Tragweite ihr nur unzureichend bewussten Auftrag übernimmt und dabei auf ihrer Reise von Berlin über die Türkei bis nach Dubai die verschiedensten Kontaktpersonen trifft, um ihnen 'vermeintlich harmlose Präsente' (Klappentext des Comic-Albums) zu übergeben.
Selten habe ich als passionierter Comic-Leser und -Sammler eine zunächst an der Oberfläche äußerst spannende, im Spionage-Bereich angesiedelte, darüber hinaus aber auch sehr tiefgehende, subjektiv-emotionale, dezent melancholische Story über eine desillusionierte Frau auf der Suche nach einer Zukunft gelesen.
All dies wird umgesetzt in den gewohnt genialen Zeichnungen von Juillard. Lena wird von ihm zwar attraktiv präsentiert (in vielen Comics wird die Protagonistin zu oft zu schön dargestellt), aber Juillard zeigt in seinem Strich auch ihre Ecken und Kanten, ihre Traurigkeit, ihre Verletzlichkeit. Und dass Lena z.B. jede Gelegenheit nutzt, um baden zu gehen (und dies von Juillard unaufdringlich aber deutlich in Szene gesetzt wird), hat eine ganz wesentliche Bedeutung für ihre persönliche Tragik (Zitat: 'Ich versuchte nur, so glatt, frisch und ohne Erinnerung zu sein wie das Wasser, das mich umgab.').
Nur scheinbar störend wirken auf den ersten Blick die Textkästen in den Panels. Beim Lesen des Bandes will man sie nicht mehr missen, weil sie die so komprimiert nur schwer in Zeichnungen zu vermittelnde Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin dem Leser nahe bringen.