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Von dort stammt Julius Dahlmann, der Lebensgefährte der Mutter, und man weiß nicht genau, ob Lena nun wirklich an dessen Vergangenheit oder mehr am Torwart der Fußballmannschaft interessiert ist, die sie nach Polen begleitet. Denn obwohl sie glücklich verliebt ist, scheint sie vor einer endgültigen Bindung an Ludwig zurückzuschrecken. Angesichts einer ungewissen Gegenwart wendet Lena sich der vermeintlich festgeschriebenen Geschichte zu. Sie sucht Orte aus ihrer Kindheit auf, wo die eigenen Erinnerungen von denen der Mutter und Dahlmanns überblendet werden. Ähnlich uneindeutig fällt der Blick auf die heimatliche Provinz aus: Wenn jeder alles über den anderen weiß, fühlt man sich von einer Sekunde auf die andere nicht mehr geborgen, sondern gefangen -- und umgekehrt.
Die Heimkehrerin erblickt überall Zeichen des Alterns, des Verfalls, des Todes, gerade weil die Zeit in mancher Hinsicht stehen geblieben ist und die Weingläser der Jugendfreundin noch immer auf den Untersetzern stehen, die sie zusammen in der katholischen Mädchenjugend gebastelt haben. Die Regisseurin Kuckart hat einen feinen Blick für solche Details ("Es war der Blick von Männern im Frühling, klebrig und erwartungsvoll.") und ein Händchen für unscheinbare Sätze, hinter denen Abgründe lauern: Von Ludwigs Mutter heißt es, dass sie sich nach anfänglicher Skepsis an Lena gewöhnt, "wie man sich an Straßenlärm gewöhnt". Als Porträt einer Frau in der Krise, als melancholisch gedämpfte Liebesgeschichte mit ungewissem Ausgang vermag der Roman trotz des gemächlichen Erzähltempos und des ständigen Wechsels zwischen den Zeitebenen zu überzeugen.
Umso verwunderter fragt man sich am Ende, wozu es eigentlich des Auschwitz-Motivs bedurfte. Als wäre ihre eigene Vergangenheit nicht schon kompliziert genug, soll die Protagonistin nun ins kollektive Gedenken an den Völkermord einstimmen. Ratlos steht sie vor den Vitrinen mit dem Haar der Getöteten. Was in ihrer persönlichen Erinnerungswelt das Vergessen verhindert, Farben, Gerüche, Orte, Worte -- das alles fehlt hier. Rührt aus dieser Abstraktheit ihre Unfähigkeit zu trauern her? Der Torhüter -- dann doch nur eine Sekunden-Affäre -- nennt Auschwitz trotzig-naiv ein "Kaff kurz vor Russland". Läuft es also auf die simple Gegenüberstellung von unbegreiflicher historischer Wahrheit und heute greifbarer Wirklichkeit hinaus?
Von diesem halbherzigen Versuch, Geschichte in Geschichten aufzulösen und damit erzählbar zu machen, bleibt die Stimmigkeit der Szenen aus der deutschen Provinz glücklicherweise unberührt. In den besten Momenten erinnert Kuckarts Suche nach der verlorenen Zeit an Judith Hermann. Was deren elegische Erzählungen für die Dreißigjährigen sind, könnte Lenas Liebe für Leserinnen um die 40 werden. --Patrick Fischer
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